Da hat man zwei Stunden was für den NDR gemacht, und jetzt will er zur Strafe meine Lohnsteuerkarte und meine Immatrikulations- bescheinigung –, anstatt sich um seinen eigenen Kram zu kümmern und Gerngehörtes zu senden wie Auf ein Wort! mit Dr. Julia Dingworth-Nusseck, die Morgengymnastik mit Hildegund Bobsien, Gerhard Gregor an der Funkorgel und Adalbert Lutschkowsky und sein Orchester. Wo doch das augenbetaute Albwachen etwas über den Frühling gebietet.

Bald werden die winterlichen Plakate mit den Immobilienfachleuten meines Vertrauens vom Eiskiosk entfernt, und dann gibt es wieder Eis. Eis in den beliebten Geschmacksrichtungen Kordhose, Hallenbad und Marmelade.

Also mal überprüfen, was der Frühling mit Winterhude angestellt hat, einem in seinem Gestaltungswillen einmaligen Nachbarstadtteil. Der Gestaltungswille der Winterhuder geht so weit, daß man bei vielen Läden gar nicht weiß, was für Läden sie sind. Die Namen der Läden sind meist reine Poesie und helfen kaum weiter. Mein Lieblingsladen war früher eine ganz normale Muttermilchabsaugpumpenmietzentrale und wurde durch Umsicht, Tatkraft, unternehmerisches Geschick und Gewerbefleiß zu einem Fachgeschäft für Hotelbedarf erweitert. "Wenn es mal mit dem Über-die-Käffer-Tingeln nicht mehr so klappt", habe ich oft gedacht, "kaufe ich mir hier einen Gepäckbock (chrom oder gold), und wenn ich morgens mit der üblichen Frage ›Wo bin ich?‹ aufwache, denke ich nicht: ›Zu Hause‹, und schlafe wieder ein, sondern: ›Bad Soden? Bad Wildungen? Bad Oeynhausen?‹" Allein zwölf verschiedene Rezeptionsklingeln für den ungeduldigen Wirkwarenvertreter gilt es zu bestaunen. Bei der vorletzten Überprüfung gab es noch zwei weitere Ausstellungsflächen im Souterrain, wo Spezialnachttischlampen für Analphabeten zu sehen waren, bei deren Schein man keine Bücher lesen kann. Inzwischen ist dort ein Café, und auch hier wird das Okkulte gepflegt. Auf Wunsch führt Silke einen in Magie und Hexerei ein, und die innere Bangbüx gewinnt die Oberhand. Die dortige Buchhandlung hat eine Schaufensterdekoration, als wäre sie die offizielle Muttermilchabsaugpumpenmietzentrale. Zeit, ins sachliche Eppendorf zurückzukehren. Ich treffe einen bekannten Literaturkritiker, rüge seine Müßiggängerbräune, aber nach kurzer Taschenkontrolle (3 Bücher, 1 Collegeblock [spiralgeheftet], 1 Liter Rotwein) darf er passieren. "Die belletristischen Übersetzer werden auch immer dreister", murmelt er und trollt sich in Richtung Winterhude, wo er sich mehr Verständnis für Geistesmenschen erhofft. Die ersten Hunde stürzen sich in die Alster, aber nur, um sich, vermute ich, anschließend schütteln zu können, nach dem Prinzip To Whom it May Concern . "Naß geworden?" kucken sie anschließend, als wäre nichts. Auf den Weg zur "Schramme", was keine Notambulanz, sondern eine grundsolide Kneipe ist, haben die Kinderchen mit rosa Kreide Handicaps geschrieben: GEHE ZUM 1. LEVEL MACHE HANDSCHTAND. Da man in ständiger Gefahr schwebt, über den Haufen geschlendert zu werden, wartet man, bis keiner kommt, und macht dann widerstrebend Handstand. Man weiß ja nie. Und nach einer notärztlichen Grundversorgung in der "Schramme" wird es auch allmählich Zeit für Pfingsten.