Leonie ist Schülerin und guckt am liebsten TV-Pannen aus aller Welt. Ihre Schwester Rosa erfreut sich an afroamerikanischen Kochsendungen und lässt sich bei den Hausaufgaben von harten Raps aus New York begleiten. Kleinkunstliebhaber Rolf liebt Balcony TV: Durchreisende Künstler treten täglich auf einem Balkon über der Hamburger Reeperbahn auf und werden dabei gefilmt. Und das Ehepaar Müller guckt gern Urlaubsfotos und Videos mit seinen Enkelkindern als Stars. All das finden Leonie, Rosa, Rolf und die Müllers im Internet. Bisher müssen sie sich dafür an den PC oder vor ihre Laptops setzen. In Zukunft können sie es sich auch auf dem Sofa vor dem Fernseher bequem machen.

Die Technik, die das ermöglicht, ist erstaunlich komplex. Schon vor zehn Jahren hatte Microsoft erfolglos versucht, Internet und Fernsehen in einem einzigen Home-Entertainment-Gerät zu versöhnen. Auch andere Branchenriesen haben sich die Zähne daran ausgebissen. Erst vor zwei Jahren ist mit Apple TV das erste wirklich praxistaugliche Gerät auf den Markt gekommen. Es kann allerdings nur auf dem Fernseher abspielen, was der Nutzer zuvor am Computer in iTunes oder iPhoto abgespeichert hat, den Apple-eigenen Multimedia-Datenbanken. Für Windows-Nutzer – und das sind noch immer fast 90 Prozent – ist die Bedienung umständlich, bei iPhoto sogar unmöglich. Nur Technikfreaks finden für die meisten Fundstücke aus dem Netz auch ein geeignetes Konvertierungsprogramm.

"Mit unserem Gerät kann sich jeder sein individuelles Unterhaltungsprogramm aus den unendlichen Inhalten des Internets frei zusammenstellen", verspricht Pancrazio Auteri, technischer Entwicklungsleiter bei TVBLOB. Die Mailänder Firma bringt ihre sogenannte Blobbox in diesen Tagen für rund 300 Euro auf den europäischen Markt.

Der schwarze Kasten wird direkt an den Fernseher angeschlossen. Er ersetzt die Set-Top-Box für den Empfang des digitalen Antennenfernsehens (DVB-T). Wie bei jedem Festplattenrekorder können die TV-Programme auch aufgenommen oder zeitversetzt abgespielt werden. Zusätzlich hat die Blobbox einen Anschluss für das Heimnetzwerk, über den sie Zugang zum Internet findet. Die allermeisten Musik-, Foto- und Videodateien, die es dort gibt, kann die Box für die Wiedergabe über den Fernseher aufbereiten. Maus und Tastatur sind dafür nicht nötig.

"Laptops und PCs sind auf eine hohe Informationsdichte und möglichst viele Interaktionen pro Minute hin optimiert", sagt Auteri. "Im Wohnzimmer wollen wir uns aber zurücklehnen und entspannen. Dafür ist die normale Fernbedienung das ideale Instrument." Ihre vier farbigen Knöpfe, dazu Start-, Stopp-, Aufnahme-, Enter- und Pfeiltasten reichen, um alle wichtigen Funktionen der Blobbox aufzurufen. Man hat die Navigationsmöglichkeiten bewusst begrenzt, niemand soll an Bildschirmarbeit erinnert werden.

Standardmäßig ist der schnelle Zugriff auf YouTube, Googles Fotoportal Picasa und einige andere häufig genutzte Internetangebote eingerichtet. Zusätzlich kann der Sofasurfer aber auch sein eigenes Lieblingsprogramm abrufen. Voraussetzung dafür ist, dass er es zuvor zusammengestellt hat – und zwar mit Maus und Tastatur am Schreibtisch. Ein kostenloses Portal des Herstellers dient dazu, Listen und Links einzusammeln, die später im Wohnzimmer bequem abrufbar sein sollen. Dazu können die öffentlichen Fotoalben von Freunden genauso gehören wie eigene Favoritenlisten aus YouTube, Podcasts oder Web-TV-Sender. Jede Blobbox hat auch eine E-Mail-Adresse. Stößt man auf eine interessante Website, kann man den Link an diese Adresse mailen und später mit der Fernbedienung am Fernseher einfach anklicken.

In 120 Testhaushalten hat Auteri untersucht, wie die Google-Generation ihr Video- und Musikprogramm im Internet zusammenstellt. Wichtiger als Ranglisten der Anbieter sind Empfehlungen von Freunden. "Die Tipps aus dem Sozialen Netzwerk führen zu befriedigenderen Ergebnissen als jedes automatische System", hat Auteri festgestellt. Lieblingslinks werden im Freundeskreis herumgemailt oder auf den persönlichen Seiten von Facebook, MySpace oder SchülerVZ veröffentlicht. Fortgeschrittene Nutzer erlauben ihren Freunden den Zugriff auf die eigenen Favoritenlisten.

In diesem Prozess, Auteri spricht von "kollaborativer Destillation", entsteht ein Medienangebot, das eine wichtige soziale Funktion übernimmt. Nur wenn Leonies Freundinnen die gleichen TV-Pannen auf YouTube und Rolfs Kollegen den Auftritt der komischen Bauchtanzgruppe auf Balcony TV gesehen haben, können sie am nächsten Tag in der Schule und am Arbeitsplatz gemeinsam darüber lästern und lachen. Ein Bedürfnis, das früher vom eingeschränkten abendlichen Fernsehangebot automatisch befriedigt wurde. Wer will, kann die Rudi-Carrell-Kultur mit der Blobbox jetzt im Kleinen wiederauferstehen lassen.

Der Freundeskreis, der tagsüber eine gemeinsame Favoritenliste füttert, trifft sich abends auf getrennten Sofas zum "virtuellen Public Viewing". So drückt es Alexander Schulz-Heyn aus. Er ist Vorsitzender des deutschen IP-TV-Verbandes, zu dem sich 100 kleine Internetvideo-Anbieter zusammengeschlossen haben. Einen Massenmarkt traut Schulz-Heyn der Blobbox noch nicht zu. "Vorher muss sich die Industrie auf einen universellen Standard für das technische Format und den Abruf der Multimedia-Angebote im Netz einigen." Die Blobbox gibt einen interessanten Vorgeschmack darauf. Mehr allerdings nicht. So simpel, wie die Bedienungsanleitung verspricht, ist die individuelle Zusammenstellung des Internet-Fernsehabends noch keineswegs. Zunächst müssen unzählige Einstellungen, Nutzernamen und Passwörter eingegeben werden – und zwar mit dem Daumen auf der Fernbedienungstastatur. Die drahtlose Einbindung ins heimische WLAN funktioniert noch nicht, ebenso wenig die Lautstärkeregelung. Mal bleibt ein Internetvideo beim Abspielen hängen, mal startet es gar nicht erst. Alle paar Tage verschickt die Mailänder Firma eine leicht verbesserte Version des Betriebssystems. Technikfreaks mag so etwas beglücken. Normalnutzer sollten lieber noch ein paar Wochen abwarten.