Sind Verfassungen wie das Grundgesetz einfach nur Gesetze mit höherem Rang? Oder stellen sie so etwas wie eine Heilige Schrift dar, ein Dokument absoluter Wahrheit und tiefer Weisheit? Die Vereinigten Staaten neigen zur Überhöhung: Dort wurden schon die frühen Verfassungen der Bundesstaaten dem Urteil Thomas Paines zufolge als "politische Bibel" angesehen, und die US-Verfassung von 1787 wuchs spätestens nach dem Bürgerkrieg in die Rolle einer hymnisch verehrten Schrift hinein. Der deutsche Staatsrechtslehrer Richard Thoma hat dies als "Verfassungsheiligung" bezeichnet – ganz im Gegensatz zu dem nüchternen Verständnis, das man seinerzeit von der Weimarer Reichsverfassung pflegte. Genauso galt das Grundgesetz lange Zeit als eher technisches Juristenwerk, nützlich und praktikabel, aber nicht aufregend.

Ebendies scheint sich in den letzten Jahrzehnten geändert zu haben. Schon aus Anlass einer Rückschau auf vierzig Jahre Grundgesetz hatte ein scharfsichtiger Autor wie der Rechtshistoriker Dieter Simon dessen "quasireligiöse Aufwertung" diagnostiziert. Ist das eigentlich schlimm? Oder sollte man sich über eine solche gesteigerte Wertschätzung der Verfassung nicht eher freuen?

Erste Zweifel regen sich, wenn man auf die Folgen einer quasireligiösen Aufladung eines Verfassungstextes schaut: In den USA wird der Streit um die Auslegung der allgemein vergötterten Constitution mit einer Vehemenz ausgetragen, wie sie in Europa und Deutschland glücklicherweise noch nicht (ganz) durchschlägt. In den moralisch hochangereicherten Debatten um Abtreibung und Bioethik führt das zu zugespitzten, nicht selten gewalttätigen Konflikten – eben weil man in der Verfassung so viel mehr sieht als das zeitgebundene Ergebnis einer verfassunggebenden Versammlung: einen Speicher letzter Wahrheiten. Noch finsterer wird es, wenn im Namen ewiger Verfassungswerte mit religiöser Inbrunst der Kampf gegen das Böse ausgerufen und mit militärischen Mitteln ausgefochten wird. George W. Bush war nicht der erste und wohl auch nicht der letzte amerikanische Präsident, der auf diese Karte gesetzt hat.

Doch muss man gar nicht solche düsteren Szenarien bemühen, um die Kosten und Defizite zu benennen, die eine Sakralisierung der Verfassung mit sich bringt. In Mitleidenschaft gezogen werden, kurz gesagt, erstens die Gestaltungsfreiheit des demokratischen Gesetzgebers, zweitens die Freiheit der politischen Debatte und drittens die moralische Freiheit des Bürgers.

Wenn in der Verfassung wie in der Heiligen Schrift alle Antworten auf die zentralen politischen Fragen schon enthalten sind, dann sieht sich der demokratische Gesetzgeber auf eine bloße Vollzugsinstanz reduziert. Die Verfassung, so hatte vor Jahren der Staatsrechtler Ernst Forsthoff gespottet, wird so eine Art von juristischem Weltenei, aus dem die Gesamtrechtsordnung schlüpft. Demokratische Gesetzgebung erscheint nur noch als bloße Deduktion und Ableitung aus der Wertordnung des Grundgesetzes. Man fühlt sich an die Naturrechtslehre der katholischen Kirche erinnert, die sich seit je kraft der Gnadengabe der Erleuchtung dazu befähigt sieht, das ewige Sittengesetz im Allgemeinen und den Dekalog im Besonderen konkretisierend zu deuten – um dann etwa aus dem sechsten Gebot ("Du sollst nicht ehebrechen") zwingend das Verbot der Selbstbefriedigung, der Pornografie, der Prostitution, der Homosexualität und der Empfängnisverhütung zu folgern.

Übertragen auf weltliche Verfassungsgrundsätze, heißt das: Je mehr man in die Verfassung hineinliest, desto geringer werden die Möglichkeiten des Gesetzgebers, Konflikte eigenständig zu lösen. Gesetze sind dann nicht mehr Akte der Selbstbestimmung einer Gesellschaft Freier und Gleicher, sondern bloße Ableitungen aus der vielbeschworenen Wertordnung des Grundgesetzes. Und über die Korrektheit dieser Ableitungen wacht das Bundesverfassungsgericht, welches dann schon einmal aus den sehr allgemein gehaltenen Grundrechten folgert, dass in Gaststätten von bis zu 75 Quadratmetern ein absolutes Rauchverbot unzulässig ist. Auf der Strecke bleibt das Verständnis von Gesetzgebung als grundlegender Form politischer Autonomie einer Gesellschaft freier Bürger.