Warum einen alten Mann, der niemand mehr etwas antun könnte, vor Gericht zerren? Zur Besserung? Das ist bei einem 89-Jährigen, dem Beihilfe zum Massenmord angelastet wird, keine besonders erhebende Aussicht. John Demjanjuk, der in dieser Woche nach Deutschland ausgeliefert wurde, hätte kaum noch die Lebenszeit, um seine Wiedergutwerdung unter Beweis zu stellen.

Vergeltung und Rache? Im Innersten der Seele wünscht man diesem Mann, wenn er denn schuldig ist, 29000 Tode an den Hals – einen für jeden Menschen, den er in Sobibor mitermordet haben soll. Aber das sind Nachtgedanken in einer Zeit, die den Begriff der Rache – Lex talionis – zugunsten der Resozialisierung aus ihrem Rechtsbewusstsein verbannt hat, jedenfalls dort, wo die Todesstrafe abgeschafft ist.

Wenn Strafe nur noch Verwahrung oder Verbesserung ist, das eine aber nicht mehr nötig, das andere nicht mehr möglich ist, warum dann dieses Justiz-Schauspiel im Jahre 64 n.H. (nach Hitler), nach sechs Jahrzehnten, in denen dieser brave (genauer: brav gewordene) Bürger aus Cleveland sich nichts hat zuschulden kommen lassen? Weil Mord nicht verjährt?

An der Menschenwürde hängt alles andere

Das ist richtig, aber doch der Sache nicht angemessen. Die Antwort muss ganz schlicht lauten: um der Wahrheit willen. Und, um einen zynischen französischen Spruch zu bemühen, pour encourager les autres . Sehr frei übersetzt, wäre es der eigentliche Zweck, der Nachwelt im rechtsstaatlichen Ringen um Schuld und Sühne, also bei penibler Beweisführung, immer wieder den moralischen Maßstab vorzuhalten, ohne den keine freie Gesellschaft auskommen kann.

Welchen Maßstab? In dem Film Der Vorleser (2008) provoziert der Juraprofessor Rohl (Bruno Ganz) den jungen Helden Michael Berg (David Kross), der als Student den Prozess gegen die KZ-Aufseherin Hanna Schmitz (Kate Winslet) beobachtet, mit einer tausendfach genutzten Scheinwahrheit: Wie kann denn heute Unrecht sein, was damals rechtens war?

Alle Naziprozesse haben seit den Sechzigern gegen diese positivistische Rechtsauffassung, gegen diese "Filbinger-Finte", ein höheres Prinzip durchgesetzt. (Der Stuttgarter Ministerpräsident hatte 1978 mit diesem Argument seine Todesurteile gegen Deserteure gerechtfertigt; trotzdem musste er zurücktreten.) Die einen nennen das moralische Prinzip die "Zehn Gebote", die anderen "Naturrecht", die dritten "Kantschen Imperativ", der besagt, dass ein Mensch nie Mittel, sondern immer nur Zweck ist. Das Grundgesetz überträgt den kategorischen Imperativ als "unantastbare Würde des Menschen".

An der Menschenwürde hängt alles andere (wie etwa das Folter- oder Sklavereiverbot), und deshalb waren, bleiben die Naziprozesse unabdingbar. (Der letzte große fand 1992 in Stuttgart statt.) Es muss den Nachgeborenen stets aufs Neue erläutert, ja eingeimpft werden, welche Taten immer falsch, weil unmoralisch sind, ganz gleich, was die Paragrafen erlauben. Michael Berg, der Vorleser, begreift das zum Schluss und die Aufseherin, seine frühere Geliebte, auch. Deshalb begeht sie nach langer Haft am Tag ihrer Freilassung Selbstmord.