Die dunkelste Stunde, so sagt man, ist die vor Sonnenaufgang. Auch auf die Konjunktur trifft der Satz zu. Am Freitag verkündeten die Statistiker für das erste Quartal den größten Wachstumseinbruch in der Geschichte der Bundesrepublik. Damit allerdings ist der Tiefpunkt voraussichtlich erst einmal erreicht. Es geht wieder aufwärts, in Deutschland und in der Welt. Die Regierungen haben die Katastrophe, den Absturz in eine Depression mit Massenarbeitslosigkeit und politischen Umwälzungen, verhindert.

Niemand sollte diese Leistung gering schätzen. Der Abgrund, an dem die Welt stand, war mindestens so tief wie in den dreißiger Jahren. Damals vertrauten die Regierungen darauf, dass die Sache von selbst wieder ins Lot kommen würde, wenn nur die Gesetze von Angebot und Nachfrage ungestört wirkten. Eine Bankenkrise ist jedoch keine reinigende Kraft, die nur das spekulative Rankenwerk entfernt und den produktiven Kern der Wirtschaft unangetastet lässt. Sie unterscheidet nicht zwischen gesunden und kranken Unternehmen. Sie zerstört Substanz.

Wenn es heute anders kommt als damals, dann weil die große Linie stimmt – bei aller berechtigter Kritik im Detail. Statt die Zinsen anzuheben, überschwemmen die Zentralbanken die Welt mit Liquidität. Statt Ausgaben zu kappen, stützen die Regierungen Konjunktur und Banken. Angela Merkel beruft sich zwar auf die Prinzipien der sparsamen schwäbischen Hausfrau. Sie handelt aber nicht danach. Sie gibt Geld aus, das sie nicht hat – und das zu Recht, denn nur so bleibt die Wirtschaft am Leben. Wenn alle sparen, herrscht Stillstand. Was für den Einzelnen richtig sein mag, wird zum Fluch, sobald es jeder tut.

Das bisher größte keynesianische Experiment scheint aufzugehen

Dass sich der Staat das Geld irgendwann zurückholen muss, macht die Sache nicht schlecht. Gerade weil er in den mageren Jahren gibt und in den fetten nimmt, glättet der Staat das Auf und Ab des Wirtschaftszyklus. Die viel gescholtene Abwrackprämie leistet genau das: Mit zweistelligen Raten ist die Automobilproduktion zuletzt gewachsen. Ja, die Deutschen werden dafür später weniger Autos kaufen. Aber dann läuft hoffentlich auch die Wirtschaft wieder von selbst.

Keine Frage, diese Politik nach den Lehren von John Maynard Keynes hat gewaltige Löcher in die öffentlichen Kassen gerissen. Man akzeptiert es, weil die Ökonomen gesagt haben, das Nichtstun wäre noch teurer geworden. Und es sieht so aus, als würden sie recht behalten. An den Börsen geht es aufwärts, die Banken leihen sich untereinander wieder Geld, die Auftragsbücher der Firmen füllen sich. Schon im zweiten Halbjahr könnte die Wirtschaft leicht wachsen. Das größte keynesianische Experiment aller Zeiten scheint aufzugehen.

Noch aber dauert dieses Experiment an. Bislang hat sich nur die Talfahrt verlangsamt, sind Rückschläge möglich, ist die Krise nicht endgültig besiegt. Im Leben vieler Menschen wird sie sich sogar demnächst erst bemerkbar machen. In der Kausalkette der Konjunktur ist der Arbeitsmarkt eines der letzten Glieder. Er reagiert mit erheblicher Verzögerung auf die wirtschaftliche Lage.