Es ist vermutlich nur Jean-Claude Juncker zu verdanken, dass sich in Österreich mit tagelanger Verspätung doch noch ein Regierungsmitglied bereitfand, auf den Affront aus Berlin zu antworten. Erst nachdem Luxemburgs Regierungschef in einem Spiegel -Interview im Steueroasen-Disput heftig zum Gegenschlag ausgeholt hatte ("Wir haben unter deutscher Besatzung gelitten"), rang sich auch in Wien Vizekanzler und Finanzminister Josef Pröll ein paar unfreundliche Worte ab. "Unter jeder Kritik, unverständlich, inakzeptabel" sei das Kesseltreiben, das sein Berliner Ressortkollege seit Wochen veranstalte. Nachsatz: Eben ein Sozi im Wahlkampf. Dafür hegt der konservative Parteichef insgeheim sogar Verständnis. Vergleichbares ist er von daheim gewohnt. Bloß, großes Aufsehen konnte Pröll mit seiner Replik nicht erringen.

Ausgerechnet die Mimosen aus jenem Land, das sich regelmäßig von der Welt unverstanden fühlt, wenn es internationales Missfallen auf sich zieht, reagieren nun auf die fortgesetzte Angriffslust des Peer Steinbrück weitgehend unbeeindruckt. Während in der Schweiz die aufgebrachte Eidgenossenschaft verbittert um die Ehre ringt, die sie in den Schmutz gezerrt sieht, sagen Österreicher höchstens gelassen: "So sind sie halt, die Piefkes."

Insgeheim empfinden sie die Rüpeleien des bösen Onkels aus Berlin sogar als Kompliment – endlich wird anerkannt, dass sie auch so schlau wie andere Kleinstaaten geworden sind, die schon lange von ihren verschwiegenen Geldgeschäften trefflich leben. Vorbei die Zeit, da man bewundernd über die Grenze blickte und die gewaltigen Kapitalberge bestaunte, die sich dort auftürmten. Nummernkonto, dieser Begriff hatte in Österreich immer einen ehrfürchtigen Klang, der von Vermögen und Wohlstand kündet.

Zwar ist das österreichische Bankgeheimnis seit Langem in der Verfassung verankert, doch das Land war chronisch kapitalschwach, und nur selten gelang es, einen Teil der Finanzströme, die in verschwiegene Gelddepots flossen, nach Österreich umzuleiten. Spät startete das Land seine Aufholjagd, die erst 1993 mit der Einführung von steuerschonenden Privatstiftungen durch einen sozialdemokratischen Finanzminister nennenswerte Erfolge zeigte. Manch deutscher Krösus, der deshalb in den Folgejahren seinen Wohnsitz in das verständnisvolle Nachbarland verlegte, avancierte zu nationaler Prominenz. Auf der Jagd nach Millionen aus dem Ausland war das Land so sehr in die Offensive gegangen, dass vor wenigen Jahren Wiener Politiker noch die Abschaffung von Erbschaft- und Schenkungsteuer in deutschen Fernsehtalkshows vollmundig bewarben.

In kaum einem Mitgliedsstaat der OECD werden Vermögen ähnlich mit Samthandschuhen angefasst wie in Österreich. Unermüdlich trichterten Regierungspolitiker und Medien der Bevölkerung ein, vor allem der Verschwiegenheit seiner Geldinstitute verdanke das Land seine Prosperität. Dass dadurch andere Staaten den Kürzeren ziehen könnten, wird zwar augenzwinkernd zugestanden, tatsächlich irritiert ist davon aber niemand – besser Österreich verdient an dem Schwarzgeld, als dass andere absahnen. Außerdem wird Steuerhinterziehung ohnehin als Kavaliersdelikt empfunden, das, solange es nicht aufgeflogen ist, eher Respekt einflößt denn rechtsstaatliche Empörung hervorruft.

Österreich hat gelernt, aggressive Töne am besten zu ignorieren

Ein Kreuzzug gegen Steueroasen und die Karawanen, die zu ihnen ziehen, zu dem nun Peer Steinbrück aufgerufen hat, wird in Wien insgeheim mit mitleidigem Lächeln quittiert. Am besten, man ignoriert die aggressiven Töne.