Wenn Peer Steinbrück in einem Gespräch das Gefühl hat, überlegen zu sein, äußert sich das auf eine ganz bestimmte Art: Auf eine Frage antwortet er dann mit einer Gegenfrage. Manchmal sogar mit mehreren Gegenfragen hintereinander. An diesem Abend dauert es keine fünf Minuten, bis er die erste Gegenfrage stellt.

Es ist der Montag der vorvergangenen Woche, und Steinbrück ist ins Fernsehstudio des Dreiländersenders 3sat gekommen, um den Zuschauern in Österreich und der Schweiz zu zeigen, dass der deutsche Finanzminister gar kein so schrecklicher Raufbold ist, wie diese glauben. Der Moderator, der Schweizer Publizist Frank A. Meyer, ist einigermaßen unvorbereitet. Und so sitzt Peer Steinbrück ganz entspannt auf seinem Stuhl, legt beide Hände auf die Armlehnen, schlägt das rechte Bein über das linke und reflektiert in aller Ruhe über sein Verhältnis zu den Steueroasen dieser Welt.

"Gelegentlich", sagt er, sollten Politiker ruhig "direkt reden". Sie sollten auch mal Bilder benutzen, gerne aus Westernfilmen, um verstanden zu werden. Und nein, mit dem Spruch von den Indianern, denen man mit der Kavallerie drohen müsse, habe er natürlich niemals die Schweiz gemeint.

Der deutsche Finanzminister entschuldigt sich für seine "zu gering ausgebildete Sensibilität", er bittet "um Nachsicht", weil es ihm ja um die Sache gehe – den Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Steinbrück formuliert vorsichtig. Sehr abwägend. Fast schon versöhnlich. Er hat das Gespräch im Griff. Als sich Meyer nach den "negativen Erfahrungen" der Schweizer mit Deutschland erkundigt, fragt Steinbrück zurück: "Welche Erfahrungen?"

Peer Steinbrück, 62 Jahre und die letzten dreieinhalb davon Bundesfinanzminister, kann sehr gewinnend sein. Und gleichzeitig sehr hart. Vor allem aber formuliert er sehr deutlich, und so dauert es keine Woche, bis nach seinem deeskalierenden Fernsehauftritt der nächste Konflikt eskaliert: Ouagadougou! Die Schweiz! Und Österreich! Von einem Deutschen als Steueroasen gebrandmarkt!

Seitdem rätseln sie in Bern und Wien wieder über Steinbrück, den Alpenschreck. Über diesen seltsamen Anti-Diplomaten, der im Fernsehen so verständnisvoll sein kann und wenige Tage später dennoch feste draufklopft. Was ist das für ein Typ, der nicht einmal von der Kanzlerin oder seinem Parteichef eingefangen werden kann?

Steinbrück trifft mit seinem Kampf den Gerechtigkeitssinn der Deutschen

In der Sache jedenfalls ist es ihm ernst. Mehr als 100 Milliarden Euro mögliche Steuereinnahmen gehen den deutschen Finanzämtern jedes Jahr verloren, weil Bundesbürger ihr Geld unversteuert ins Ausland bringen. Dieses Geld fehlt dem Staat für Investitionen – oder für Steuersenkungen, von denen all jene profitieren würden, die in der Heimat noch brav Steuern zahlen. Der Kampf gegen Steuerflüchtlinge ist ein internationales Thema: Vor allem Deutschland und Frankreich forcieren ihn. Er trifft das Gerechtigkeitsempfinden der meisten Deutschen – schließlich haben in der Wirtschaftskrise sehr viele Bürger das dumpfe Gefühl, für die Fehler einiger weniger bezahlen zu müssen.

Dazu kommt aber auch: Mit einem Gesetz zur Bekämpfung der Steuerhinterziehung kann ein SPD-Finanzminister in Deutschland wunderbar Werbung in eigener Sache machen. Schließlich kann es sich der konservative Koalitionspartner kaum erlauben, solch ein Gesetz zu blockieren.

Es gibt nicht vieles, über das sich Peer Steinbrück sonst freuen darf in diesen Tagen. Am Mittwoch dieser Woche verabschiedete die Regierung das Gesetz zur Schaffung sogenannter Bad Banks für die angeschlagenen Geldhäuser des Landes – eine milliardenschwere Finanzoperation, von der niemand sagen kann, ob sie die Krise beenden wird. An diesem Donnerstag nun geben die von der Regierung beauftragen Steuerschätzer bekannt, wie groß die Einnahmeausfälle des Staates durch die Wirtschaftskrise in den kommenden Jahren sein dürften. Schon jetzt ist klar: Peer Steinbrück wird als Finanzminister mit der höchsten Neuverschuldung in die deutsche Geschichte eingehen.

Sein Traum war ein schuldenfreier Haushalt. Er war nahe dran

Natürlich schmerzt ihn das. Noch immer hängt in einem Flur im vierten Stock des Bundesfinanzministeriums in der Berliner Wilhelmstraße das Werbeplakat, das in einem einzigen Satz an Peer Steinbrücks politischen Traum erinnert: "Wir schaffen die Null". Er war nahe dran, als erster Finanzminister seit fast 40 Jahren ohne neue Schulden auszukommen. Dann kam die Krise. Nun wird er den bisherigen Rekord von 40 Milliarden Euro glatt verdoppeln.