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Sie waren fast durch. Und enttäuscht: "Da kommt nicht mehr viel." Maria Malina, Grabungstechnikerin an der Universität Tübingen, erinnert sich gut an den 9. September 2008. Ein paar Kalksteinbrocken lagen noch in dem Quadrat mit der Nummer 30. "Darunter sah man schon den rötlichen Lehm der sterilen Schicht." Von dem Höhlensediment, in dem die Menschen der Steinzeit ihre Spuren hinterlassen hatten, lagen nur noch ein paar Krümel da. Dann packte Aleksandra Mistireki, die Volontärin aus Zürich, einen der Kalkbrocken und hob ihn hoch. Darunter lag ein Klumpen, sie putzte ihn notdürftig, drehte ihn zwischen den Fingern hin und her und wunderte sich über das "seltsame Etwas". Sie rief die erfahrene Kollegin: "Maria, komm mal, das sieht aus wie ein Bärenköpfchen."

Maria Malina gräbt seit zehn Jahren in der Gruppe des Tübinger Archäologieprofessors Nicolas Conard und war an mancher Entdeckung beteiligt, die der Schwäbischen Alb ihren besonderen Ruf bescherte: als jenem Ort, an dem die Kunst geboren wurde. Malina war zugegen, als 2006 im Abraum der Vogelherd-Höhle ein filigran geschnitztes Mammut ans Licht kam. Sie setzte 2004 die Elfenbeinfragmente aus der Höhle Geißenklösterle zu einer Flöte zusammen. Und im selben Jahr war sie dabei, als in einer Höhle namens Hohle Fels bei Schelklingen ein Pferdekopf, ein Wasservogel und ein Figürchen, halb Löwe, halb Mensch, zum Vorschein kamen.

Heißt sie – wegen ihrer Ähnlichkeit zu gebratenem Geflügel – bald Henny?

Nun kniete sie wieder am Boden dieser riesigen, vom Wasser der Ur-Donau ausgespülten Karstgrotte. Jedes Jahr überwintert eine Fledermauskolonie in der 6000 Kubikmeter fassenden Halle, dem eigentlichen "Hohlen Fels". Machen sich im Frühling die Tiere aus dem Staub, rücken im vorderen Teil der Höhle Conard und Gehilfen an, auf der Suche nach Spuren urzeitlicher Höhlenbewohner: Knochen, durchbohrten Muscheln, Feuersteinklingen, Statuetten.

An diesem Morgen im vergangenen September schaute Malina nun auf das frisch gefundene schmutzige Etwas und erkannte von Hand geformte Wölbungen. Im Sediment fand sich ein zweites Fragment; es fügte sich mit dem ersten zu einem Torso zusammen. Die Mittagspause nutzten die beiden Frauen, um das Fundstück zu reinigen. Da erkannten sie, was sie vor sich hatten: einen Körper aus Elfenbein, ohne Kopf und Füße, aber mit deutlichem Schamdreieck und einer riesigen Brust.

"Es war wahnsinnig aufregend", sagt Malina. Denn das Objekt, das hier 35 Jahrtausende nach seiner Entstehung zutage kam, fehlte gerade noch. Ein halber Zoo tierischer und halbtierischer Kunstobjekte wurde bislang in den Höhlen Schwabens geborgen. Nun erstmals eine Frauendarstellung. Und was für eine! Keine bisher bekannte Frauenfigur hat so viele Jahre auf dem Buckel. Die berühmteste, die Venus von Willendorf, ist 10.000 Jahre jünger. Die meisten dieser prähistorischen Darstellungen stammen aus der steinzeitlichen Epoche des Gravettien oder dem noch jüngeren Magdalenien. Aus dem früheren Aurignacien stammte nur eine 32.000 Jahre alte Amphibolit-Dame aus dem österreichischen Stratzing, bei deren Beschreibung die Forscher sich allerdings nicht einig sind: Ist sie flach aus dem Schiefer geschnitten oder in allen drei Dimensionen modelliert?

Die Schwaben-Venus ist nicht nur garantiert dreidimensional, sondern mindestens 35.000, womöglich gar 40.000 Jahre alt. Diese Woche präsentiert Nicholas Conard den spektakulären Fund im Magazin Nature . Die Figur ist 59,7 Millimeter hoch, 34,6 Millimeter breit und wiegt 33,3 Gramm. Auffallend sind nicht nur die überdimensionierten Brüste, sondern auch die Vulva mit den betonten Schamlippen zwischen den gespreizten Beinen, die Nature zu der Feststellung hinrissen, hier handele es sich um "ein 35.000 Jahre altes Sex-Objekt".

Auch Conard hatte bemerkt: "Dieses Stück ist geladen." Angesichts der Frage, welchem Zweck der stilisierte Körper damals diente, wiederholt sich nun der Streit, den Forscher immer wieder entfachen, seit vor einem Jahrhundert die Willendorferin entdeckt worden ist. Sind die Venus-Figurinen steinzeitliche Pin-ups, erotische Spielzeuge für den einsamen Jäger? Oder dienten die üppigen, betont runden Formen der Weiterbildung – Initiationspuppen für junge Frauen, denen man zeigen wollte, wie der Körper sich während einer Schwangerschaft verändert? Vielleicht galt ein fetter Körper als ästhetisches Ideal? Die Dicken sollten womöglich die Fruchtbarkeit fördern, sie waren Glücksbringer für Gebärende oder Reisende. Warum nicht paläoreligiöse Kultfiguren?

Auch in Conards Mannschaft waren die Meinungen geteilt: "Unbestritten ist der Bezug zur Fruchtbarkeit", sagt der Archäologe, aber während die Männer im Team das Erotische in den Vordergrund gestellt hätten, betonten die Frauen mehr das grundsätzlich Weibliche, die Formengebung. "Sprachlos" seien aber alle gewesen.

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Aufgefallen seien die "ikonografischen Parallelen zu den späteren Gravettien-Figuren". In der Tat weist die Schwaben-Venus Ähnlichkeiten mit der knapp doppelt so großen Venus von Willendorf auf, die über die ausladenden Brüste und den üppigen Hintern hinausgehen: "Die geknickten Ellbogen, die sanften Hände, das kann kein Zufall sein", sagt der Tübinger Professor.

Ist der Hohle Fels also der Ort, an dem der Venus-Kult seinen Anfang nahm? Ist diese Dame die Urmutter einer Idee, die von Russland bis Spanien, von Rom bis Helsinki ihren Niederschlag fand: Körper mit Betonung weiblicher Formen plastisch darzustellen? Gibt es eine Linie von dem neuen Fund über die kopflosen Frauen aus Gönnersdorf (15.500 Jahre alt), bis zur Venus von Neuchâtel (13.000 Jahre alt) – gar bis ins 20. Jahrhundert zu den dicken bunten Nanas, die Niki de Saint Phalle von 1964 an schuf?

Wenn Kinder aus Lehm eine Frauenfigur bastelten, sagt die Tübinger Kulturanthropologin Miriam Haidle, "kommt Ähnliches heraus". Sie meint das nicht abwertend, hält die Venus für eine "absolut sensationelle Entdeckung", meint aber, dass "kulturell kein enger Kontext" zu den Figurinen der späteren Gravettien-Zeit festzustellen sei. Trennen die Schwäbin doch 10.000 Jahre von der Österreicherin. Andreas Pastoors, Archäologe am Neanderthal Museum, betrachtet Einzelfunde lieber als "singuläres Ereignis", interpretiert dementsprechend zurückhaltend und sieht keine direkte Verwandtschaft zwischen den urzeitlichen Damen: "Die Forscherfrage sollte nun lauten: Wie kommt es, dass die Frauenfiguren in unterschiedlichen Zeiten ähnliche Merkmale haben?"

Letztlich weist die Figurine aus dem Hohlen Fels viele Auffälligkeiten auf, die sie von allen späteren unterscheidet. Kurz und respektlos: Nie wurde ein Objekt gefunden, das einem Brathähnchen so sehr gleicht wie der Fund aus Schwaben. Nicht nur wegen ihres horrenden Alters, auch wegen ihrer Einzigartigkeit, vermutet Haidle, tauge die Venus zur Ikone. Und sie werde, wie die Dame aus Stratzing ("Fanny von Galgenberg"), bald einen Namen erhalten. Ihr Deckname vor der Veröffentlichung war "Frau Fröhlich". Aber auch "Henny" kursiert, angelehnt an die augenfällige Ähnlichkeit mit gebratenem Geflügel.

Die Nahrungsgrundlage war solide, also schufen die Jäger Kunst

Anthropologen, Archäologen und Kunsthistoriker werden sich in der Frage, wo, warum und wann der moderne Mensch anfing, solche Kunst zu schaffen, vermutlich nie einig werden. Ging der ersten schöpferischen Phase ein Entwicklungsprozess von Zehntausenden Jahren voraus? Schuf der Mensch erst simple, dann nach und nach komplexere Werke? Oder ging alles Schlag auf Schlag?

Rund 80.000 Jahre alte geometrische Ornamente aus Südafrika sind weitaus ältere Belege symbolischen Denkens, aber keine Kunst. Anders als frühere Abdrücke von Händen oder Graffiti zeugen die unzähligen Ritzspuren auf vielen Figuren vom Donauufer (auch auf der Venus) von langwieriger, sorgfältiger Kreativarbeit.

Conard ist daher der Ansicht, dass der moderne Mensch erst Afrika verließ und dann zu den vier großen Themen kam: Erst im Norden schuf er dreidimensional geformten Schmuck, schnitzte er figürliche Kunst, begann er mit Instrumenten zu musizieren und erfand die Religion.

Gerade die Perfektion der Tierfiguren weckt auch Misstrauen. "Das kleine Mammut hätte man nicht besser hinkriegen können", sagt Haidle. Wahrscheinlich haben die frühen Künstler erst an leichter zu bearbeitendem Material wie Lehm oder Holz geübt. Kurt Wehrberger, Vizedirektor des Ulmer Museums, vermutet, dass alle Objekte – Mammut, Pferd oder Löwenmensch – nicht nur einmal, sondern Hunderte oder gar Tausende Male angefertigt wurden. Lehm zerbröselt, Holz verfault, nur robustes Elfenbein überdauert. Höhlenkunstspezialist Pastoors warnt daher vor dem Schluss, nur weil in Süddeutschland so viele Funde auftauchten, sei die Kunst hier erfunden worden: "Man kann nicht davon ausgehen, dass es etwas, was nicht da ist, nicht gegeben hat."

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Jenseits aller Spekulationen können die Wissenschaftler immerhin den Lebensraum der Urschwaben recht genau rekonstruieren: "Das war keine Einöde", sagt Wehrberger. Man müsse sich eine westsibirische Tundra vorstellen, baumloses Grasland, Büsche und das Tal acht Meter tiefer. Aus den Höhleneingängen auf den Anhöhen spähten die Hominiden nach Getier zum Jagen. Auf den Hochflächen ästen Rentiere und Wildpferde, an den Hängen grasten Gemsen, in tieferen Lagen lebten Mammute, Hirsche, Hyänen.

Die Karsthöhlen suchten die Jäger im Winter und Frühling auf, sie wärmten sich an Feuerstellen, in denen – aus Mangel an Holz – markreiche Tierknochen glimmten. Es war laut Wehrberger "klimatisch eine gute Zeit mit solider Nahrungsgrundlage". Denn die Menschen waren nicht tagaus, tagein damit beschäftigt, Essen zu beschaffen. Neben tierischem Eiweiß aßen sie Beeren, Knollen, Eier, und sie hatten Muße, um stundenlang an Kleinoden zu werkeln, millimetergenau Raubtierkiefer, Nüstern, Öhrchen und Federkleid zu formen, Augen, Pfoten, Finger und Füße aus dem harten Elfenbein herauszuarbeiten. Genauso wie die Proportionen der Venus.

Gleich nach der Mittagspause des Fundtages verpackten Maria Malina und Aleksandra Mistireki den Frauentorso sicher und lagerten ihn kühl. Unter den Funden des Vortags entdeckten sie dann ein weiteres großes Stück: "Die rechte Hüfte", erzählt Malina. Und auch beim Sichten der Feinrückstände und beim Schlämmen waren sie erfolgreich. Sechs Fragmente bilden bislang die Venus aus Hohle Fels. Noch fehlen der linke Arm und die Schulter. Die linke Hand weist fünf Finger auf, die rechte nur vier; der Bauchnabel ist anatomisch korrekt platziert; das linke Bein ist kürzer als das rechte.

Schließlich untersuchten die Forscherinnen den Fund minutiös. In der Öse, die anstelle des Kopfs auf den Schultern sitzt, und auf der Rückseite erkannten sie eine "starke Politur". Das Schmuckstück schien also um den Hals getragen worden zu sein und sich auf der Brust des Trägers oder der Trägerin leicht abgeschliffen zu haben. Für Alltagsschmuck, vermutet Malina, war die Dicke wohl zu schwer und die Öse zu fragil: "Nix für die Pferdejagd." Bei welchem Anlass wurde der Schmuck also getragen? Die Antwort auf diese Frage lag nicht in den Sedimenten. Und sie wird auch nie zum Vorschein kommen.

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