Der Mann kann so charmant sein und so erbarmungslos. Ein Wort von ihm, und die halbe Bauwelt liegt in Trümmern. Er sagt "Mülltonne" zu einer Schule oder "Geschwür" zu einem Museum, und schon ist das betreffende Gebäude in den Augen vieler für immer vernichtet.

Prinz Charles ist der schärfste Architekturkritiker der Gegenwart. Und obwohl manche ihn belächeln, ihn einen kauzigen Nostalgiker schimpfen, der die Menschheit am liebsten artgerecht in Lehmhäuschen einquartieren würde, ist sein Einfluss doch beträchtlich. Erst kürzlich zog er den geballten Zorn von Norman Foster, Frank Gehry, Zaha Hadid und anderen Architekten auf sich, als er in London ein modernistisches Wohnquartier verhindern wollte. Dass nun ausgerechnet er diese Woche eine große Rede zum Jubiläum des britischen Architektenverbands halten darf, führte in den letzten Tagen zu stürmischen Protesten und Boykottaufrufen. In Baufragen wird der sonst so milde Charles gern zum Polemik-Prinzen, nichts und niemand ist vor ihm sicher. Man könnte glatt zum Monarchisten werden.

Hierzulande fehlt einer wie er, einer, der sich nicht abfindet mit den ungezählten Scheußlichkeiten, die das Land überziehen. Der gegen die Beliebigkeit, die Kälte, die Geschichtsvergessenheit vieler neuer Bauwerke zu Felde zieht. Kein deutscher Politiker wagt sich auf dieses unsichere Terrain der Architekturästhetik. Kein Parteiprogramm fordert Schönheit für deutsche Städte. Und obwohl der Bundestagswahlkampf längst begonnen hat und gerade etliche Staatsmilliarden ins Baugewerbe fließen, ist Nachhaltigkeit allenfalls ein ökologisches Thema. Ob das Geld auch gestalterisch nachhaltig angelegt ist, ob also das Gebaute den Menschen gefällt, ob sie gut und gern darin leben, scheint kaum zu interessieren. Und schon deshalb braucht es einen Architekturprinzen wie Charles: Das Thema muss auf die politische Agenda!

Bislang wird der wachsende Unmut von den Politikern gern ignoriert. Viele Bürger protestieren gegen den Abriss von Denkmalen, gegen banale Hochhäuser und landschaftsverschandelnde Brücken. Und auch die Architekten sorgen sich um die Baukultur. Doch debattiert wird allenfalls über äußerliche Fragen: Ist Sandstein schöner als Glas? Neo-Barock besser als Neo-Bauhaus? Klenze genialer als Koolhaas? Ähnlich wie Prinz Charles meinen viele Bürger, die ästhetische Misere der Gegenwart sei mit den Stilfibeln der Vergangenheit zu lösen. Sie machen es sich einfach, sie verdrängen die tieferen Ursachen.

Architektur ist ja kein Oberflächenphänomen. Architektur heißt: dem Leben eine Form zu geben. Die Debatte um das gute Bauen ist im Kern immer eine Debatte darüber, wie wir leben wollen, als Einzelne und als Gemeinschaft. Wer also an unseren Städten verzweifelt, verzweifelt in Wahrheit an unserer Gesellschaft. Diese Gesellschaft kauft bei Allerweltsketten und Discountern – und leidet unter der Allerwelts- und Discounterarchitektur. Überalle möchte sie mit dem Auto vorfahren – und ärgert sich über den zugeparkten Stadtraum, über die hässlichen Parkhäuser und über den unentrinnbaren Lärm. Welch wunderbare Schizophrenie! Das Konsumenten-Ich lebt ein modernes, mobiles, globalisiertes Leben. Doch unser Ästhetik-Ich verlangt von den Häusern, sie mögen eingewachsen, unmobil, regionalistisch sein. Im Grunde dürfte sich Prinz Charles nicht mit Stilkritik begnügen. Ändert euer Leben!, müsste er rufen. Denn nur so ändert sich die Architektur! Er müsste nicht nur den Abriss von Beton- und Glasklötzen fordern, sondern auch die Zerstörung des enthemmten Kapitalismus.

In gewisser Weise hat sich diese Forderung ja gerade erfüllt. Viele große Bauprojekte sind ins Stocken geraten, etliche wurden storniert. Und so war die Gelegenheit selten günstiger als heute, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, wie es weitergehen könnte. Die weltweite Krise begann auf den Immobilienmärkten, und es wäre nur konsequent, nun als Allererstes diesen Markt und seine Regeln zu verändern. Weit mehr als die Architekten haben in den letzten Jahren die Spekulanten das Bild der Städte geprägt. Sie interessieren sich in der Regel nicht für Häuser, sondern für Objekte. Nicht für architektonische Qualität, sondern für Image. Für sie zählt allein die möglichst schnelle, möglichst hohe Rendite. Und so sieht diese Architektur der Gier denn auch aus: charakterlos und austauschbar. Sie verdankt sich keinem Bauherrn, sie verdankt sich dem Fondsdenken.