Von Menschen, die sich immer nur mit sich selbst beschäftigen, sagt man gemeinhin, sie seien Eigendreher, Fachidioten, Egoisten. Sie seien anmaßend und langweilig. Für Künstler gilt in der Regel dasselbe. Wenn sie wie ein Jonathan Meese an ihrer Privatsymbolik basteln und mit großem Kunst-Tata, Genie-Tutut und reichlich Farbe nur aus dem Nähkästchen der Kunstwelt plaudern, werden die Werke zwar bunt, doch ebenso autistisch und albern – auch wenn manche Kritiker sie dann rätselhaft nennen oder hintergründig. Wenn also in ein Kunstwerk von außen nichts eingeht, ist es logisch, dass umgekehrt nichts dabei herauskommt und kein Mensch etwas kapiert. Auch bei Michaël Borremans dreht sich alles um die Kunst. Doch deren Autismus steht bei ihm nicht am Ende, sondern am Anfang. Er spielt mit ihm, und anders als bei Meese und Kollegen darf, ja muss der Betrachter auch mitspielen.

The Storm ist die Endlosprojektion eines Films über drei Männer in weißen Anzügen, die apathisch in einem abgeschlossenen Raum sitzen. Sie scheinen auf etwas zu warten, den Zuschauer nämlich. Erst wenn dieser den abgedunkelten Raum betritt, setzt sich der Projektor ratternd in Gang, und unter dem stürmischen Brausen des Kunstbetriebs in Gestalt der Maschine verrichten die drei ihre poetische Arbeit: Kunstwerk zu sein. Das Bild flackert stark, manchmal scheint es ganz zu verlöschen; doch solange jemand zuschaut, ist das System stabil, und der Besucher steht vor dem fleckigen, nie ganz scharfen tableau vivant wie das Wild im Scheinwerferlicht. Ohne Kunst keine Betrachter. Doch ohne Betrachter auch keine Kunst.

Der Belgier Borremans, dessen neue Arbeiten gerade in der Kestner Gesellschaft Hannover zu sehen sind, zählt längst zu den Stars des Kunstbetriebs. Die Werke des 46-Jährigen hängen im Museum of Modern Art in New York, und der Maler Neo Rauch will ihn als Professor an die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig holen, als seinen Nachfolger. Borremans zählt zu der kleinen Riege satirischer Künstler wie Christian Jankowski oder der früh verstorbene Martin Kippenberger, die mit Witz und Poesie die Kunst vom Sockel der Anbetung auf den Boden der Anschauung heben. Das gut gemeinte Vorwort des Ausstellungskatalogs geht deshalb völlig an der Sache vorbei, wenn es Borremans in die Nachfolge seines Landsmanns René Magritte stellt, der mit großem Ernst, doch schlichter Botschaft das Rätsel der Kunst illustriert. Borremans illustriert nicht, er parodiert. Und wie allen großen Ironikern ist ihm das, was er bespöttelt, das Heiligste.

Dazu passt die nostalgische Patina, die über den Oberflächen seiner Bilder liegt, die flackernden Filme, die Malereien, die aussehen wie verstaubt, und das Zeichenpapier mit den Flecken und Eselsohren. Immer sind Menschen im Bild, und auch sie entstammen einer anderen Zeit. Ihrer Kleidung, ihren Gesten und ihrer Frisur nach sind sie den vierziger Jahren entsprungen, einer Zeit der Besetzung und Besatzung, der Verblendungen und absurden politischen Systeme – ähnlich absurd, ähnlich totalitär und ähnlich humorfrei wie das Kunstsystem mit seinen Göttern und Götzen, seinen Tempeln und mächtigen Institutionen.

The German heißt eine Arbeit, die man leicht übersieht. Ein kleiner schwarzer Kasten hängt an der schwarzen Wand, zwei Seiten sind aus Spiegelglas, durch das man auf eine Reihe von Miniaturmenschen blickt, die auf eine riesige Leinwand an der Stirnwand der Schachtel sehen. Dort läuft das Video eines Mannes, der auf seine Hände sieht, die sich langsam heben und senken, ins Leere greifen, sich krümmen und strecken. Es ist eine Allegorie des Kunstsystems: Der leibhaftige Ausstellungsbesucher betrachtet Miniatur-Ausstellungsbesucher, die einen Mann betrachten, der seine Hände betrachtet, von denen weder er noch die Betrachter wissen, was sie tun. Außer, wie schön es ist, ihnen zuzusehen. Grundlos, folgenlos. Und nur zu genießen, wenn man dazugehört.