Ich sage: "Entschuldigung, pardon, könnte ich bitte vielleicht ein kleines Bier haben?" Den erforderlichen Nachsatz "Aber nur, wenn es keine allzu großen Umstände macht" ersetze ich durch einen Dackelblick.

Erst einen Moment später fällt mir ein, dass diese Unterwürfigkeit hier fehl am Platz ist. Die Kellnerin verkneift sich ein Lachen und enteilt. Ich sehe sie noch mit ihrem Kollegen tuscheln. Als sie serviert, zuckt noch immer ein spöttisches Grinsen um ihre Lippen. Ich komme mir wie ein Depp vor. Die Kellnerin in diesem Münchner Vorstadtbiergarten wird mich nie mehr ernst nehmen. So muss man sich als Schweizer im Ausland fühlen, wenn ich den Erklärungen meiner wenigen eidgenössischen Freunde glauben darf. Ich hab’s geschafft: Einmal, zum ersten Mal fühle ich mich als Schweizer. Frau Sitzler sei Dank.

Susann Sitzler ist die Autorin der Ratgeber Grüezi und Willkommen. Die Schweiz für Deutsche und Überleben in Zürich. Und viel befragte Expertin des gegenwärtigen rheinüberschreitenden Kommunikations-GAUs. Von ihr weiß ich, was "geistige Landesverteidigung" ist. Und dass man gerade als Deutscher enorm aufpassen muss, um nicht auf Schritt und Tritt als ungehobelter, lauter und besserwisserischer Störenfried anzuecken.

Vor einem Jahr bin ich, wie 14000 meiner Landsleute, dem Lockruf eines lukrativen Jobangebots nach Zürich gefolgt. Im Vorstellungsgespräch hatte der Personalchef gewarnt: "Es gibt hier gewisse Vorbehalte, wie werden Sie damit umgehen?" Ich hatte lässig geantwortet: "Ich bin halber Österreicher, ich weiß schon, dass es mit Deutschen auch schwierig sein kann." Ein Jahr später weiß ich, dass ich naiv war. Schweizer Freunde habe ich nicht gewonnen, und sogar zu den Schweizern, die ich länger kenne, habe ich eher weniger Kontakt als vorher.

Frau Sitzlers Ratgeber waren meine erste Lektüre in Zürich: Sie brachte mir bei, immer ganz leise aufzutreten, niemals etwas direkt zu fordern. Im Fernsehen hat Sitzler jüngst erzählt, dass sie sich beim Kauf einer Wähe und eines Billetts am Zürcher Flughafen sechsmal entschuldigt hat.

Auch in den Integrationskursen, die es jetzt in Basel und Zürich für Immigranten aus dem "großen Kanton" gibt, ist die zurückhaltende Bestellung der wichtigste konkrete Ratschlag. Nur kein herrisches Fordern. Und der Schriftsteller Urs Widmer schlägt in dieselbe Kerbe: Das direkte Verhalten deutscher Bäckereikunden habe ihn für Stunden schockiert, schreibt er in der FAZ. Ein Schweizer sage: "Könnte ich vielleicht so ein Brot wie das dort kriegen, wenn’s recht ist, bitte?"

Ein Halbasiate erklärt mir, warum er Deutsche mag, aber schrecklich findet

Ich bestelle also nicht mehr, ich bitte, flehe, bettle. Doch abgesehen vom Münchner Aha-Erlebnis bleiben mir integrationstechnische Fortschritte versagt. Im Zürcher Niederdorf sagt die Saaltochter zum Kollegen: "Bringsch dem Hueredüütsche en Macchiato." Das nehme ich nicht schwer, es ist nur eine der vielen Momentaufnahmen, die mir Tag für Tag aufs Neue zeigt: Du bist geduldet, aber nicht willkommen.