Sie sind selten, und möglicherweise verschwinden sie bald ganz von den Universitäten – Doppelstudenten. Verantwortlich sind die vielerorts zu straff organisierten neuen Studienabschlüsse. Bachelor- und Masterstudiengänge machen mittlerweile fast 80 Prozent des gesamten Angebots aus, jeder dritte Student ist bereits darin eingeschrieben. Unter Doppelstudenten allerdings ist die Quote der Bachelorstudenten auffallend niedrig: In Konstanz etwa sind es sechs von 56, in Tübingen gerade einmal 20 von 648. Ein Doppelstudium zu organisieren ist für die meisten von ihnen schlicht zu kompliziert.

Zum ersten Prüfstein für Eigeninitiative und Durchhaltevermögen, zwei Kardinaltugenden jedes Doppelstudenten, wird für Aspiranten bereits die Zulassung. Ein Problem, von dem die meisten vorher nichts ahnen. Wie Claudia Maria Henneken. Die 23-Jährige hatte schon einen Studienplatz für Wirtschaftswissenschaften, als sie beim Aufnahmetest der Deutschen Sporthochschule Köln antrat: 2000 Bewerber, 20 Disziplinen an einem Tag – wer mehr als eine verhaut, scheitert. Henneken dachte, bereits der Schwimmtest, 100 Meter in maximal zwei Minuten, könnte ihren Traum vom Parallel-Bachelor in "Sport und Leistung" zerstören. Doch sie schaffte die verlangte Zeit – als einzige Brustschwimmerin im Becken. Die Hürde aber, mit der sie nicht gerechnet hatte, kam nach der bestandenen Prüfung. "Die Zulassung zu beantragen war extrem kompliziert", erinnert sie sich. "Schon der Bachelor ist in den Ämtern noch neu. Viele dort haben gar nicht verstanden, was ich wollte – und waren irgendwann nur noch genervt."

Schon immer war ein Doppelstudium mit bürokratischem Aufwand verbunden. Doch bei zwei Bachelorfächern gibt es zusätzliche Auflagen und Beschränkungen, die sich zudem von Uni zu Uni unterscheiden. Henneken las sich durch sämtliche Studienordnungen und erkannte, dass das zweite Fach in Köln – wie an vielen anderen Hochschulen – nicht zulassungsbeschränkt sein darf. Also ließ sie sich in Wirtschaftswissenschaften ins dritte Semester hochstufen, wo sie zuvor bereits Veranstaltungen besucht und bestanden hatte. Und überwand so die Zulassungsbeschränkung, die nur für die ersten Semester gilt. "Wenn man den Verwaltungskram erst einmal durchhat, sieht man den Rest lockerer", sagt sie.

Der Stundenplan ist ein Meisterwerk der Organisationskunst

Dabei scheint auch der "Rest" aufwendig genug. Doppelstudium bedeutet für die 23-Jährige: doppelt lernen, mitunter vier Klausuren in vier Tagen schreiben, zwischen der eigenen Wohnung in Wuppertal und dem Zimmer bei den Großeltern in Köln pendeln, Montage mit Veranstaltungen von 8 bis 20 Uhr überstehen – das Training für die Sportkurse nicht eingerechnet. Solch ein Leben wünschen sich wenige Studenten. Und weil die Minderheit der Doppelstudenten bei der leistungsorientierten Mittelvergabe keine Rolle spielt, wird sie von keiner Statistik erfasst.

Entsprechend wurden die neuen Bachelorstudiengänge auch nicht darauf hinentwickelt, für ein zweigleisiges Studium zu taugen. "Es ging darum, die Studienangebote praktisch umzusetzen, klar strukturierte und international vergleichbare Studiengänge zu etablieren – es war nicht die erste Sorge, all das auch auf Doppelstudenten abzustimmen", sagt Jan Rathjen von der Hochschulrektorenkonferenz (HRK).

Wer es dennoch wagt, den zwingen die strukturierenden Elemente des Bachelors – Anwesenheitspflicht, Leistungskontrollen übers Semester und vorgestrickte Stundenpläne –, sich perfekt zu organisieren. Wie Ewgenij Tsysin, der an der Uni Erlangen-Nürnberg Wirtschaftswissenschaften mit dem Schwerpunkt Wirtschaftsinformatik sowie Geschichte und Politikwissenschaft belegt. "Die Starrheit der Stundenpläne nervt mich am meisten", sagt der 23Jährige. Sein eigener Wochenplan ist ein vierfarbiges Meisterwerk studentischer Organisationskunst, in dem sich unterschiedliche Anfangszeiten der Fakultäten ebenso spiegeln wie die im Schnitt über 50 Wochenstunden und die Zeit, die dem Studenten dazwischen bleibt, um die 25 Kilometer zwischen den Hörsälen zu überwinden. Die Vielfalt an Themen, Inhalten und Methoden, sie reizt Tsysin am Doppelstudium. Bestehen kann er es nur mit Tricks, die auch Sportstudentin Henneken nutzt: Überschneidungen lässt der Stundenplan dort zu, wo Vorlesungen keine Anwesenheitspflicht vorsehen, für die Prüfung lernt Tsysin aus dem Skript. Außerdem hat er vorgearbeitet und kann so in diesem Semester an einer zweitägigen Exkursion der Althistoriker teilnehmen – "ein Luxus".