Das Beste an bundesrepublikanischen Gedenktagen war immer, dass sie nicht weiter störten. Jeder wusste, was er zu tun hatte, und das hieß für die meisten, einen freien Tag zu genießen. Auch nach 1990 blieb das im Wesentlichen so. Aber dieses Jahr wartet mit einer solchen Ballung von Jubiläen und Gedenktagen auf, dass keiner mehr wegzappen kann. Sechzig Jahre Bundesrepublik, sechzig Jahre Grundgesetz in Kombination mit zwanzig Jahren deutscher Einheit – das schafft einen Komplex des politischen Gelingens und des historischen Glücks, an dem niemand vorbeikommt. Sich mitzufreuen, das hieße aber auch: innerlich beteiligt zu sein. Und das scheint in diesem Jahr das Schwierigste zu sein.

Die meisten deutschen Gedenktage bezogen sich bislang auf politische Katastrophen und Niederlagen. Politisch gesehen ist trauern einfach, denn die Gefühle sind erprobt, die entsprechenden Routinen eingeübt. Eingeübt ist auch die Tradition, die Selbstdarstellung deutscher Staatlichkeit bei solchen Anlässen kleinzuhalten, neutral fast bis zur Nichtwahrnehmbarkeit. Dafür gibt es gute geschichtliche Gründe. Panzerkettenrasseln mit Marschmusik wird den Deutschen auch künftig erspart bleiben. Aber die Aufgabe wird für sie mit den Dezennien immer größer: Irgendwann im Zuge ihrer nationalstaatlichen Normalisierung müssen die Deutschen den Kraftakt vollbringen, sich auch positiv auf ihre Historie zu beziehen, sichtbar und überzeugend, als Gedenken aller, und zwar Wessis wie Ossis, kurz: im Rahmen eines echten Feiertags ihres nationalen Gemeinwesens.

Vor zehn Jahren, bei den Fünfzigjahrfeiern der Republik, wurde die Klippe der Nation – und zu vermeiden, sich aufs Nationale mit Emphase zu beziehen, ist noch immer ein stilles Gebot der politischen Kultur – dadurch umschifft, dass "Deutschland in Europa" im Fokus der Reden stand. 2009 jedoch, mitten in der Wirtschaftskrise, ist die Utopie Europa zu einem großen Fragezeichen geworden und die Globalisierung die Mutter aller Probleme. 2009 ist der postnationale Weltzustand kein Idyll mehr, und die Deutschen sind auf sich zurückgeworfen.

Auch ihre Selbstwahrnehmung verändert sich. Eine ganze Reihe von Umfragen stimmte in den vergangenen Wochen darin überein, dass etwa zwei Drittel der Deutschen ein ausgesprochen entspanntes, will sagen identifizierendes Verhältnis zu ihrem Deutschsein und zur Nation unterhalten. Das Zergrübelte, Selbstquälerische ist raus, von Überheblichkeit keine Spur. Wolfgang Thierse umreißt diese Veränderung mit den Worten: "Wir unterstellen uns ja keinen Nationalismus mehr", wir seien "eine stinknormale, durchschnittliche europäische Nation geworden, nicht besser und nicht schlechter als andere. Es gibt Eigenheiten und Unterschiede, mit Hölderlin wäre dies das ›Nationelle‹. Das ständig Verdrängte und Verschämte finde ich unangemessen".

Befreien sich die Deutschen also aus dem Kokon des Verfassungspatriotismus, den ihre Kultureliten in den zurückliegenden Jahrzehnten so sorgfältig gesponnen hatten? Vielleicht nimmt das Volk bereits eine Normalität in Anspruch, die manche Volksvertreter ihm noch gar nicht zugestehen wollen.

Dann könnte ja eigentlich alles in Ordnung sein. Doch der Blick auf die Vorbereitungen zum 23. Mai, dem Verfassungsjubiläum mit anschließender Wahl des Bundespräsidenten zeigt, wie schwierig die Feier des "Nationellen" in der Praxis ist. Ursprünglich sah ein Beschluss der Bundesregierung vor, das Doppelereignis mit einem Fest unter Beteiligung der Bevölkerung zu begehen. Das Innenministerium wurde mit der Planung beauftragt – und vergab die Veranstaltung an die Firma media event, die eine dreitägige, von den 30 Dax-Unternehmen gesponserte Marketingparty vor dem Brandenburger Tor konzipierte, mit "Car-Walk" und einem "Boulevard der deutschen Marken". Thomas Gottschalk sollte Show machen, und die Stones sollten spielen. Zwei Millionen Euro Zuwendung hätte media event von der Bundesregierung kassiert, die dafür ein bisschen Programmzeit fürs Politische erworben hätte. Doch dieses Konzept löste in der Großen Koalition, um es freundlich zu formulieren, parteiübergreifendes Unbehagen aus.

Es hätte eine Entpolitisierung, ja Ökonomisierung des politischen Gedenktages bedeutet. Hier der Staatsakt im geschlossenen Raum, dort Leistungsschau der deutschen Wirtschaft mit begleitendem Würstchengrill. In einem Wort: würdelos. "Das Grundgesetz hat im kollektiven Gedächtnis der Deutschen keine große Rolle gespielt, die Währungsreform war für die kollektive Erfahrung viel wichtiger", meint der Politologe Herfried Münkler. "Diese Folgenlosigkeit rächt sich nun 60 Jahre später. Grundgesetz ist kein Ereignis, das sich inszenieren lässt, also auch kein großes Narrativ. Da ist Gottschalk die gerechte Strafe."