Kann ein Mensch an einer Überdosis Würde leiden? An zu viel der gravitas , die er glaubt in sein Amt legen zu müssen? Es ist sein Tag im Plenarrund des Europäischen Parlaments in Straßburg. Eine der letzten Sitzungen dieser Legislaturperiode ist dem Abgang von Hans-Gert Pöttering gewidmet. Nach der üblichen Halbzeit von zweieinhalb Jahren räumt der 63-jährige Niedersachse den Posten des Parlamentspräsidenten. Bei der Europawahl am 7. Juni geht er noch einmal als CDU-Spitzenkandidat ins Rennen. "Große Würde" bescheinigen ihm die Sozialdemokraten, "Fairness und Bescheidenheit" rufen ihm die Liberalen nach, eine "ehrenvolle Zeit" Grüne und Linke.

Dann aber erhebt sich der unabhängige britische Abgeordnete Daniel Hannan weit hinten im Saal. "Sie, Herr Präsident", zürnt er, "haben eine intuitive Abneigung gegen Minderheitengruppen! Warum haben Sie uns unsere Plakate gegen den Lissabon-Vertrag entreißen lassen, während Sie andere Meinungskundgaben geduldet haben? Für Sie ist nicht die Meinungsfreiheit das höchste Gut, sondern die EU!"

Pöttering sitzt aufrecht, massiert gewohnt gelassen die Hände vor der Brust. Mehr als 27 Jahre lang hat er, eine Halbwaise des Zweiten Weltkrieges, auf den Posten des EP-Präsidenten hingearbeitet, schon 1979 ist er eingezogen ins erste direkt gewählte Europaparlament, er wollte nie weg aus Brüssel, anders als andere Politiker, denen das Europaparlament bisweilen nur als Wartesaal für prominentere, nationale Posten dient. Die vergangenen Jahre waren die Krönung seiner Laufbahn. Und jetzt, da ihm die Messe gelesen wird, wagt einer eine handfeste Beleidigung. Doch was antwortet Pöttering?

"Okay", sagt er ohne erkennbare Regung, "nehmen wir das mal so zur Kenntnis."

Könnte die technische Wissenschaft für Aufgaben wie Europaparlamentsvorsitz Protokollroboter herstellen, es würde etwas sehr Pöttering-ähnliches dabei herauskommen: unaufgeregt, selbstzufrieden, bürokratisch, etwas grau.

Schulz hatte das Glück, von Berlusconi beleidigt zu werden. So wurde er berühmt

Mit einer Beleidigung im selben Hause hingegen begann der – jedenfalls mediale – Aufstieg des europäischen Spitzenkandidaten der SPD, Martin Schulz. Am 2. Juli 2003 spricht anlässlich der Ratspräsidentschaft seines Landes der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi im Europäischen Parlament. Schulz, schon damals Fraktionsvorsitzender der Europäischen Sozialdemokraten, will die Gelegenheit nutzen, um, wie er heute sagt, "auf Demokratiedefizite hinzuweisen". Der gelernte Buchhändler aus Würselen bei Aachen nennt sich selbst "ein recht unverstelltes rheinisches Temperament". Der entsprechende Dialekt ("Frau Merkel amüsiert sich immer darüber") trägt ein theatralisches Detail zu seinem Ruf des Kämpfers, ja des Geiferers bei. Wenn Schulz "Europäische Union" sagt, sagt er "EuropäICHe Union". Wenn ihm einer im Parlament querkommt, schallt es schon mal "Arschloch" durch die Reihen. Dieser Martin Schulz also fragt den italienischen Regierungschef an diesem Sommertag, ob er, Berlusconi, nicht den europäischen Haftbefehl vorantreiben wolle (der ihm selbst gefährlich werden könnte)? Der antwortet Schulz, in Italien werde gerade ein Film über ein Konzentrationslager gedreht. "Ich werde Sie für die Rolle des Kapo vorschlagen. Sie sind perfekt geeignet dafür!"

Dem Europaparlamentarier Schulz ist damit etwas gelungen, was den meisten seiner Kollegen ihr Leben lang verwehrt bleibt: Er macht Schlagzeilen. In Italien ist der 53-Jährige bis heute weithin bekannt – kaum jemand hingegen kennt die nationalen EU-Abgeordneten. So führt ihn die gerade begonnene Wahlkampftour neben Frankreich und Schweden (es stellt ab 1. Juli die EU-Ratspräsidentschaft) auch nach Italien. "Junge Leute auf den Marktplätzen wollen den Schulz anfassen!", schwört ein Mitarbeiter seines Pressestabes. Das dürfte aber auch alles sein, was vom Zauber jenes Augenblicks geblieben ist.

Ein sozialeres Europa, darum geht es ihm im Wahlkampf. "Wir erleben doch gerade eine epochale Wende. Die Menschen verlangen nach mehr Beteiligung am transnationalen Wirtschaftsgeschehen. Das heißt, nach mehr Parlamentarismus. Denn der führt zu mehr sozialer Sicherheit."