Das klingt gut. Auf die Europapolitik allerdings lässt sich diese Gleichung allenfalls beschränkt anwenden. Denn Brüssel besitzt zwar reichlich Kompetenzen für Marktliberalisierung – so gut wie keine aber in der Sozialgesetzgebung.

Schulz aber stört sich nicht daran, ebenso wenig wie sein Parlamentskollege Pöttering an der Frage, ob er seiner Person in den vergangenen Jahren nicht etwas zu viel Bedeutung beigemessen habe. Auf dem Höhepunkt des Gaza-Krise um den Jahreswechsel ließ es sich der EP-Präsident nicht nehmen, eine eigene Reise in die Region zu unternehmen. "Frieden im Nahen Osten", sagt er, "ist mir eine Herzensangelegenheit." Aber ist solches Streben nicht auch eine Luxusbeschäftigung für einen Politiker, dessen tatsächliche Zuständigkeiten eher im Reich der Kinderspielzeugsicherheit und der Lebensmitteletikettierung liegen? Was erhofft sich Pöttering von Eskapismen à la Gaza?

Doch, es gibt einen Konflikt. Leider geht er das EU-Parlament nichts an

"Das will ich Ihnen ganz anschaulich berichten", sagt er. Um dann zu erzählen von einer Euro-Mediterranen Parlamentarischen Versammlung, deren Präsident er bis März gewesen sei, und von einer Islamischen Parlamentarischen Versammlung ("Ich wusste auch nicht, dass es so etwas gibt") und davon, dass die Zusammenarbeit dieser beiden Organe gefährdet gewesen sei. Mit seiner Reise in die Region habe er, Pöttering, dafür gesorgt, dass der Dialog weiterging.

Er schaut sehr zufrieden drein. Anschaulichkeit ist Ansichtssache in Brüssel.

Der SPD-Mann Martin Schulz stimmt Pöttering nicht nur darin zu, dass ein Europapolitiker auch immer Außenpolitiker sein müsse. Er stimmt ihm in überhaupt ziemlich Vielem zu. Das liegt daran, dass das Europaparlament kaum eine innere Opposition ausbildet, sondern vielmehr als geschlossene Opposition nach außen auftritt. Gegen all jene, die die Wichtigkeit der europäischen Einigung noch immer nicht hinreichend begriffen haben. Wie europäische Regierungen zum Beispiel. "Pöttering und ich haben zu Beginn dieser Legislaturperiode eine faktische Große Koalition geschlossen", sagt Schulz über seinen katholischen Duzfreund und das gemeinsame Projekt. Das schärfste Wort, das Pöttering seinerseits über den SPD-Spitzenmann zu entlocken ist, lautet "mein Mitbewerber".

Was, bitte, entzweit die beiden? Na, die Türkei, sagt Pöttering. "Da gibt es einen fundamentalen Unterschied. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass die EU überfordert wäre, die Türkei aufzunehmen, aus politischen, kulturellen und geografischen Gründen." Schulz ist für den Beitritt. Nur leider liegt auch diese Frage jenseits ihrer Kompetenzen. Denn über einen – derzeit fernliegenden EU-Beitritt der Türkei – hat das Europaparlament nicht mitzureden. Die Entscheidung liegt allein bei den 27 Regierungen der EU.

Kann man den Bürgern ernsthaft vorwerfen, dass sie sich nicht für die Europawahl interessieren? Da treten zwei Spitzenkandidaten gegeneinander an, die nicht miteinander streiten wollen. Die in Brüssel Stars sind, die in Deutschland aber kaum jemand kennt. An uns liegt das nicht, würden Schulz und Pöttering sagen. Wirklich nicht?