Die junge Russin macht im Zauberberg durch lautes Türenschlagen, durch beständiges Zuspätkommen, durch unmanierliches Drehen von Brotkugeln auf sich aufmerksam. Ihr haftet in der Figur der Madame Clawdia Chauchat etwas Exotisches, Fiebriges, Ungehobeltes an. Die "Kirgisenäugige" trägt, obgleich verheiratet, keinen Ehering und erobert den vornehmen und zunächst affektgehemmten Hamburger Hans Castorp im Sturm.

Bereits in Thomas Manns Roman gehört also die unberechenbare und Unheil bringende Russin zum festen Repertoire eines Nationalklischees, das bis heute seine phänotypischen Entsprechungen findet. Wer je in Berlin-Charlottenburg oder einer russischen Durchschnittsstadt auch nur wenige Stunden verbracht hat, dem fällt das Resultat harter Arbeit am weiblichen Körper ins Auge, das von deutschen Frauen, in grober Verkennung der Landessitten, als unemanzipiert, wenn nicht gar als unterwürfig und nuttig abgetan wird: makellose Fingernägel, perfekt gezupfte Augenbrauen, reichhaltiges Make-up, aufwendige Frisur, Stöckelschuhe, ein aufreizender Gang. In Russland vermag der erotische Körper zur Waffe gegen die Männer zu werden. Bereits in Liebesdingen versierte Aristokratinnen wie Katharina Bagration wühlten einst die europäische Diplomatie auf, sie entsprangen dem Hof von Katharina der Großen. Deren Einfluss auf das bis heute matriarchalisch geprägte Russland darf überhaupt hoch veranschlagt werden.

Allerlei Fantasien rankten und ranken sich um jenen Typus der russischen Frau, die einerseits ausgesprochen selbstbewusst ist wie die kalte Sowjet-Funktionärin, andererseits aufreizend – eine Doppelhelix, an der mitunter Ehen zerbrechen. Nicht nur an den Urlaubsorten in aller Welt, welche heute von Oligarchenfamilien mit jungen Töchtern aufgesucht werden, die dort auf biedere Familienväter stoßen. Auch den Schauspieler Mel Gibson, 53, hat es erwischt. Er lernte erst das Model Oksana Pochepa, 24, kennen, jetzt scheint es eine andere Oksana in seinem Leben zu geben, Oksana Grigorieva, 39, angeblich von ihm schwanger. Sicher ist nur, dass Gibsons Frau die Scheidung einreichte. Stones-Musiker Ron Wood wiederum vergnügt sich, zum Missbehagen seiner Gattin, mit der zwanzigjährigen Kellnerin Ekaterina Ivanova. Ein wenig zu gut ins Klischee passt, dass beide Herren unter erheblichen Alkoholproblemen leiden sollen und damit die Übermacht der russischen Frau gegenüber dem ewig schwächelnden Männergeschlecht versinnbildlichen.