Mayawati, die Unberührbare, steht auf einer hölzernen Wahlkampfbühne in der nordindischen Stadt Moderabad. Tausende Menschen starren auf sie. Früher durfte man eine wie sie in Indien straflos einpferchen, füttern, zur Arbeit prügeln. Sie hätte nicht aus den Wasserbrunnen der Menschen trinken können. Die Dalit, zu denen Mayawati gehört, galten als kastenlos, sie verrichteten die niedrigste Arbeit, sie taugten nicht zum Menschsein. Doch jetzt jubeln Tausende Menschen Mayawati zu, dunkle Gestalten in Lumpen. Zahnlose Omas, abgearbeitete Männer, halb nackte Kinder. Mayawati will ihnen eine Stimme geben und ein Gewicht in der indischen Politik. Niemand, kein Gandhi, kein Nehru, kein großer König in der langen Geschichte Indiens, hat das je vor ihr versucht: die Unberührbaren an die Macht zu führen. Mayawati könnte es gelingen.

Mayawati ist ihr einziger Name. Unberührbare haben meist nur einen Namen. Sie stammt aus den Slums von Delhi, aus Inderpuri, BlockB, Hausnummer 685, wo ihre alten Nachbarn von Hausnummer 667 gern ihr Kinderzimmer vorführen: ein dreckiges schwarzes Kellerloch ohne Fenster, das sie mit acht Geschwistern teilte. Sie arbeitete sich hoch, profitierte von Quotenregeln im Erziehungswesen, wurde noch während ihres Studiums von dem Unberührbaren-Parteigründer Kanshi Ram entdeckt. Man könnte Kanshi Ram einen sozialutopischen Basispolitiker nennen. Er holte sie in seine Partei, machte sie zur Spitzenkandidatin. Angeblich hatte er eine Liebesaffäre mit ihr. Kanshi Ram erlitt 2003 einen Schlaganfall und starb wenig später. Seither führt sie die Partei allein. Heute ist Mayawati 53 Jahre alt und Regierungschefin von Indiens bevölkerungsreichstem Staat Uttar Pradesh. Dort gewann sie die letzten Wahlen mit absoluter Mehrheit, was niemand zuvor für möglich gehalten hatte.

"Uttar Pradesh ist unser – als Nächstes gehört uns Delhi", ruft Mayawati über den Marktplatz von Moderabad. Bald schreit jedes Kind die Parole mit. "Auf nach Delhi!", singen die Unberührbaren.

Eben noch erschien die Menge erstarrt in Ehrfurcht, jetzt jubelt sie. "Ich wähle Mayawati, weil sie eine von uns ist und echte Veränderung bringt", sagt Vidyawati, eine 50-jährige Tagelöhnerin im zerschlissenen gelben Sari. Sie hat sieben Kinder geboren. Sie verdient 50 Rupien am Tag, weniger als einen Euro. Früher wären ihre Kinder in den öffentlichen Schule missachtet worden, hätte die Polizei jede Beschwerde eines Dalit abgelehnt. Das sei jetzt anders in Uttar Pradesh, sagt Vidyawati. Wie viele Dalit identifiziert sich Vidyawati zum ersten Mal mit ihrem Staat.

Die Kastenlosen nennen sich selbst "die Zerdrückten"

Dalit – wörtlich: die Zerdrückten –, so nennen sich die Unberührbaren. Indien leide an einer Anti-Dalit-Psyche, sagt Mayawati in ihrer Rede in Moderabad. Diese Psyche ist ihr großer Gegner.

Eigentlich liegt Uttar Pradesh vor der Haustür Delhis, einen Katzensprung entfernt. Hier ist die Gandhi-Familie zu Hause. Ohne den größten Staat lasse sich das Land nicht regieren, lautete bislang eine unbestrittene politische Maxime in Delhi. Doch plötzlich will man davon nichts mehr wissen. Zwar wird seit vier Wochen in Indien gewählt, könnten die letzten Abstimmungen am Mittwoch dieser Woche in Uttar Pradesh vorentscheidend auf die Regierungsbildung wirken; zwar könnte die Wahlarithmetik Mayawati zum Zünglein an der Waage und deshalb vielleicht sogar zur Premierministerin machen. Doch Mayawati ist in der Hauptstadt nicht beliebt. Nicht einmal die sonst so liberalen Zeitungen schreiben über sie.

Lucknow ist die Hauptstadt von Uttar Pradesh, die Millionenmetropole liegt eine Flugstunde östlich von Delhi. Ihre Einwohner sagen, Lucknow sei die Hauptstadt der mit Brasilien viertgrößten Demokratie der Welt nach Indien, den USA und Indonesien. Brasilien und Uttar Pradesh haben jeweils 190 Millionen Einwohner.