Die ZEIT: Frau Schwan, anders als vor fünf Jahren hat Ihre Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten diesmal viel Kritik ausgelöst. Warum?

Gesine Schwan: Klar, diesmal gab es viel mehr Stolpersteine. Das liegt zum einen daran, dass die Chance, dass ich gewinne, von vornherein viel größer war und ist. Infolgedessen gibt es natürlich mehr Gegner. Hinzu kommt, dass es eine Kandidatur gegen einen Amtsinhaber ist. Natürlich ist auch die Situation der SPD eine ganz andere.

ZEIT: Die SPD-Spitze wusste lange nicht, ob sie Köhler wiederwählen oder einen eigenen Kandidaten aufstellen wollte…

Schwan: Es ist kein Geheimnis, dass es da unterschiedliche Einschätzungen gab. Für mich ist das alles nachvollziehbar. Ich bin weit davon entfernt, Schuldzuweisungen zu machen.

ZEIT: Gilt das auch für Frank-Walter Steinmeier, der dem Vernehmen nach erwogen hat, Joschka Fischer ins Spiel zu bringen?

Schwan: Ich bin mir sicher, einen solchen Plan hat es nie gegeben.

ZEIT: Sie sind jetzt seit vielen Monaten im Land unterwegs. Wie haben Sie dieses Land erlebt?

Schwan: Ich habe auf meinen Reisen einen großen Schatz von Erfahrungen gesammelt. Mein Eindruck ist, dass die Menschen sehr ernsthaft in die Zukunft sehen. Es gibt in diesem Land zweifellos sehr viel Potenzial, auch viel Aufgeschlossenheit und Engagement. Aber unsere Gesellschaft ist sozial gespreizt. Es gibt neben den ganz Reichen zunehmend Menschen, die Schwierigkeiten haben, ihr Dasein materiell zu organisieren. Und: Es gibt ein vorurteilsbereites Segment von Menschen, die an den bestehenden Strukturen nicht sehr viel verändern wollen – und zwar auch in der Schicht der Verantwortungsträger.

ZEIT: Wie äußern sich diese Vorurteile?

Schwan: Nehmen wir als Beispiel den Bildungsbereich. Ein Standardvorurteil ist, dass es in einer Gesellschaft eine bestimmte Verteilung von intelligenten und nicht intelligenten Menschen gibt. Empirisch ist das gar nicht nachweisbar. Weiter wird dann argumentiert: Eine Schule oder eine Hochschule muss in einem gewissen Verhältnis gute und schlechte Zensuren vergeben. Ich mache das Gegenmodell auf: Es gibt gerade in einer vielschichtigen Gesellschaft wie unserer sehr unterschiedliche Arten von Intelligenzen. Daher kommt es darauf an, die unterschiedlichen Fähigkeiten von jungen Menschen zu stärken, statt sie standardisiert zu messen. Sonst produzieren wir Verlierer, die keine Verlierer sein müssen.