Wer ein Spätwerk hat, der braucht keine Feinde mehr. Selten jedoch hat sich das Schaffen der letzten Lebensjahrzehnte so bleischwer über die künstlerischen Anfänge gelegt wie bei Victor Vasarely. Seine tausendfach variierten Op-Art-Module, millionenfach reproduziert, haben die siebziger und achtziger Jahre weltweit mit einem grellen Teppichmuster aus betulichen optischen Täuschungen überzogen, aus dem es kein Entrinnen gab. Darüber (und über den traurigen Streit um das verwahrloste Vasarely-Museum im französischen Gordes) ist es vollständig in Vergessenheit geraten, dass Vasarely in den frühen fünfziger Jahren an der Spitze einer der interessantesten Bewegungen der europäischen Avantgarde stand. Während der Weltgeist und die kulturelle Hegemonie gerade zu den Abstrakten Expressionisten nach Amerika übergesetzt hatten, versuchte im Paris dieser Zeit eine lose Gruppe um die Galerie Denise René mit intelligenten Hitzköpfen wie Vasarely, Auguste Herbin, Günter Fruhtrunk und Jean Dewasne die geometrische Abstraktion neu zu beleben.

Die Moderne-Auktion im Kölner Auktionshaus Lempertz ermöglicht nun am 28. Mai einen frischen Blick auf Victor Vasarely, bevor er zur Marke Vasarely wurde. Die beiden angebotenen Werke liefern ausreichend Material für eine Verteidigung des Künstlers gegen sich selbst. Sie dokumentieren sein großes Gespür für Komposition und Balance, seinen subtilen Einsatz von Farben, sein Aufladen der Formen, bis diese, einem Raumschiff gleich, abzuheben scheinen. Zum einen wird eine Arbeit in Schwarz-Weiß-Tönen aus dem Jahre 1951 angeboten, Basilan, die auf 80000 Euro geschätzt ist – danach die bestechende Arbeit Locmaria von 1952 (60000 bis 70000 Euro). Zwei Werke, in denen der 1908 in Ungarn geborene Vasarely einen singulären, kraftvollen Bogen schlägt von den großen osteuropäischen Gründungsvätern der Abstraktion der Vorkriegszeit hin zu den unterkühlten, französisch durchsummten fünfziger Jahren. Florian Illies