Sofja Behrs, die 1862 18-jährig den um 16 Jahre älteren Grafen Lew Tolstoj heiratete, war die begeisterte Erstleserin der Romane ihres Mannes; unzählige Male schrieb sie seine Manuskripte ab. Aber bei ihren 13 Kindern und den Alltagssorgen konnte sie seinen späteren Ideen nicht mehr folgen. Und schon gar nicht seiner in der Kreutzersonate vorgetragenen Idee, dass die Familie eine schädliche Institution sei.

1893 hat sie in ihrem eigenen Roman – Eine Frage der Schuld. Anlässlich der ›Kreutzersonate‹ von Lew Tolstoj (der erstaunlicherweise erst jetzt ins Deutsche übertragen wurde) – ihre Sicht der Dinge dargelegt. Man erkennt den Stil Tolstojs: dieselben Ketten von Adjektiven, derselbe allwissende Erzähler, dieselben festen psychologischen Regeln – nur etwas zu blumig und ohne die Überzeugungskraft des Vorbilds. Tolstoj hypnotisiert mit seinen ausgewogenen Sätzen (nicht umsonst das viele Abschreiben, der Graf verbesserte und verbesserte, und wenn er nicht gestorben wäre, verbesserte er noch heute). Lesen wir in Anna Karenina: "Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich; aber jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre eigene Art", glauben wir das sofort, obwohl es eher umgekehrt ist.

Die Kreutzersonate erzählt eine einfache Geschichte: Ein Mann heiratet aus Liebe, bald merkt er, dass das Eheleben nicht so schön ist, wie er es sich vorgestellt hat, am Ende tötet er seine Frau aus Eifersucht. Das wird oft und falsch als ein frauenfeindliches Eifersuchtsdrama gelesen. Es ging Tolstoj um nicht weniger als eine Neuordnung der Menschheit. Sein Protagonist erlebt eine geistige Umwandlung, erklärt jede Ehe zum Verbrechen, in erster Linie gegenüber der Frau, er fordert die Gleichberechtigung der Geschlechter und sieht die einzige Hoffnung, sie zu erreichen, in der Keuschheit.

Eine Frage der Schuld von Sofja Tolstaja ist auch eine einfache Geschichte: Ein Mädchen heiratet aus Liebe, bald merkt es, dass nichts an der Ehe seinen romantischen Idealen entspricht, am Ende wird es von seinem Mann aus Eifersucht getötet. Es ist die Fortsetzung des jahrzehntelangen Ehestreits mit literarischen Mitteln: Der Mann spricht voller Reue von der Entjungferung. Für ein unerfahrenes Mädchen sei sie "widerlich, beschämend und schmerzhaft". Die Frau präzisiert: "Dem Kind wurde Gewalt angetan." Der Mann: "Schrecklich war eben das, dass ich mir ein zweifelloses unbeschränktes Recht auf ihren Körper zugestand." Die Frau: "Alles läuft nur auf das eine hinaus." Und so weiter.

Lew Tolstojs Protagonist kommt den feministischen Kampfparolen erstaunlich nah: Er fordert auch für die Frauen die Freiheit bei der Wahl des Sexualpartners, er behauptet, dass schöne Kleider und Schmuck aus einer Frau eine Sklavin machen, die ihrerseits mit derartigen Reizen die Männer versklavt. Wie für Lew Tolstoj ist auch für Sofja Tolstaja Reinheit erstrebenswert. Sie betont ausdrücklich die Reinheit ihrer Heldin, oft im Widerspruch zur erzählten Handlung: Ihre Heldin ist sich ihrer weiblichen Macht bewusst und will erreichen, "dass ihr Mann sie nicht nur nicht verlassen, sondern zu ihrem Sklaven" werde. Auch die Gräfin hat Lebensweisheiten auf Lager: "Wenn eine verheiratete Frau einen anderen lieb gewinnt, trägt fast immer der Mann die Schuld."

Es ist nur zu offensichtlich: die beiden Romanehepaare verstehen einander genauso wenig wie die Tolstojs. Der Mann fordert seine eigene Seele heraus. Die Frau ihren Mann.

In der 1889 geschriebenen Kreutzersonate spielt Musik eine entscheidende Rolle. Beide Ehepartner geraten unter Einfluss eines Virtuosen, zu dem nicht nur die Frau sich hingezogen fühlt, sondern auch der Mann verspürt, trotz seines Widerwillens gegen ihn, eine rätselhafte Anziehungskraft. Literatur und Leben sind manchmal seltsam verbunden. Sechs Jahre nach der Kreutzersonate kam es in der Familie Tolstoj zu einer ähnlichen Situation. Der 40-jährige Komponist Sergej Tanejew hatte das Unglück, Frau Tolstaja mit seiner Kunst bis zu besinnungsloser Verliebtheit zu beeindrucken. Tolstoj, auch ein leidenschaftlicher Musikliebhaber, wurde von starker Eifersucht gequält. Der Komponist selbst hatte nicht die geringste Ahnung, welches Drama er verursachte, überdies war er homosexuell.