Es gibt Tage am Meer, die so grau und nass und lichtlos sind, als ob die Welt gleich untergehen möchte. Und an denen man trotzdem eine Sehnsucht spürt, man weiß nicht, wonach oder wohin, eine Sehnsucht, die einem aus der See ans Herz zu greifen scheint – als ob man plötzlich den Horizont mit all seinen Versprechungen fühlen kann wie ein Vogel das Magnetfeld der Erde.

Und es gibt Orte, die jede Sehnsucht gefangen nehmen. Das Jungeninternat St. Oswald, keine halbe Sportstunde hinter der ostenglischen Küste, ist so ein Ort. Hierhin schickt Meg Rosoff einen sechzehnjährigen Jungen, der schon von einigen Schulen geflogen ist. Rückblickend, er ist längst ein alter Mann, erinnert sich dieser namenlose Erzähler des Romans Damals, das Meer an die Schule und das Jahr 1962. Seine Geschichte beginnt mit den persönlichen Regeln "Traue niemandem" und "Halte dich bedeckt", die schon einiges darüber verraten, wie so ein Internatsbunker die Seelen krümmt. Hinzu kommen die täglichen Scheußlichkeiten. Das Essen aus grüner Leber, rosa Wurst und ewigem Kohl. Die im Bett versteckten Stinkheringe, Gemeinheiten, mit denen die Jungs schon fürs spätere Karrieremobbing zu trainieren scheinen. Meg Rosoff berichtet davon so direkt, als steige die graue Atemluft von St. Oswald aus dem Buch auf, aber sie erzählt gleichzeitig so raffiniert und staubtrocken witzig, dass man die Seiten gierig einsaugt wie verbotene Zigaretten.

St. Oswald ist eine Dressuranstalt für Widerlinge oder Versager, und beide Wege stehen dem Neuankömmling, der leidet, sich aber zu arrangieren weiß, offen. Bis er beim Schullauf durch ein verlassenes Fischerdorf dem Jungen Finn begegnet und eine neue, alles umstürzende Regel lernen muss: "Nicht jeder ist Regeln unterworfen." Finn erscheint als ein etwa gleichaltriger, ansonsten höchst rätselhafter Junge. Hat ihn seine Mutter wirklich, wie er sagt, als Baby verlassen? Wurde seine Geburt tatsächlich nie registriert? War er seit dem Tod seiner Großmutter, all die Jahre, wirklich allein? Fest steht, dass Finn allein in einer von der Flut umspülten Holzhütte lebt, Fische fängt, sich als Handlanger verdingt. Und dass sein Lächeln "ein Loch in die Welt brennen" könnte.

Dieses Lächeln kann noch mehr. Es lässt den grauen Daseinsvorhang von St. Oswald in Flammen aufgehen, es reißt den Horizont auf. Denn der starke, freie, ja sogar angsteinflößend schöne Finn verkörpert alles, wonach der Internatszögling sich sehnt – und was er selber kaum zu benennen wagt. Sein Versuch, eine Freundschaft mit dem naturwesenhaften Finn aufzubauen, ist so riskant wie die Gezeiten, die dessen Hütte vom Festland trennen. Zum einen wegen der strengen Schulordnung, zum anderen, weil Finn nicht nur ungeheuer anziehend, sondern ebenso gleichgültig und undurchschaubar wirkt, als wäre er am Ende doch ein unsterblicher Prinz des alten Englands, aufgetaucht aus den Ruinen jener Stadt, die unweit der heutigen Küstenlinie einst versank.

Drastische Kulissen hat die in London lebende Amerikanerin Meg Rosoff schon in ihren ersten, preisgekrönten Büchern So lebe ich jetzt und Was wäre wenn aufgezogen. Erst war es ein Krieg, dann ein Flugzeugabsturz, die Rosoffs junge Helden schonungslos wachrüttelten und zwangen, dem unbegreiflichen Leben ins Auge zu sehen. In ihrem dritten Buch nun bedient sich Rosoff einer schlichteren, sogar schönen, aber noch viel gewaltigeren Kulisse. Das Meer versorgt und schützt Finn, doch es bedroht auch seine Hütte und den Strand, unerbittlich wie die Zeit selbst. Das Meer gleicht einem Schicksalsgott, unter dessen kalten Augen sich die Freundschaft der Jungen zögerlich, tastend entwickelt. Ihre stets nur Stunden währende Gemeinschaft ist wie auf Sand gebaut. Genau deshalb erscheint jede Kajakfahrt zu zweit und jedes Muschelessen, jede Geste, jedes Wort und jede Berührung zwischen ihnen so kostbar wie eine in den Sand gezeichnete Liebeserklärung, die in der Flut bald zu verschwinden droht.

Zu viel steht gegen diese Beziehung. Eifersüchtige Mitschüler, die schlechten Noten des Erzählers, auch sein Egoismus, der das inselhafte Leben Finns zerstören wird. Als das Ende da ist, gelingt Meg Rosoff eine ganz überraschende Wende, sie löst den kunstvollen Knoten aus Geheimnissen und Irrungen, der die zerbrechliche Freundschaft der beiden Jungen für eine kurze, wundervolle Zeit zusammenhielt, in einer Weise auf, dass man nicht nur traurig, sondern fast ein wenig erleichtert ist.

In diesem Moment nennt der alte Erzähler erstmals seinen Namen. Als ob er endlich sich selbst erkannt und verstanden hätte, was auch der Kern dieses großartigen Buches ist: dass die schmerzlichsten Zeiten des Lebens zugleich die schönsten und wahrhaftigsten sind, weil sie es möglich machen, die eigene Sehnsucht zu begreifen und das Leben in die Hand zu nehmen.

Meg Rosoff: Damals, das Meer! Aus dem Englischen von Brigitte Jakobeit; Carlsen 2009; 239 S., 14,90 € (ab 14 Jahren)