Es ist lehrreich, Zeuge einer Mystifizierung zu sein. Man denkt, dies ist das 21. Jahrhundert, und erst recht in unseren aufgeklärten Breiten, da kommen Mythen nur zum Spaß vor. Aber im Ernst? Unter Mythos verstehe ich hier eine Erzählung, die eine Lüge über einen offensichtlichen Sachverhalt verbreitet: Jörg Haider ist in einer Oktobernacht schwer alkoholisiert am Steuer eines Wagens den Unfalltod gestorben: 1,8 Promille und 142 Stundenkilometer. Das sind einmal Zahlen, die für sich sprechen. Wer in so einem Zustand so schnell fährt, der gefährdet andere. Und der Tod – von wo er seinen Ausgang nahm, wie und in welcher Gesellschaft der Alkohol ins Blut kam, das ist eine Geschichte, die einem "Landesvater", Jörg Haider war Landeshauptmann von Kärnten, nicht ziemt. Es war offensichtlich eine kriminelle Rücksichtslosigkeit, ganz von der Art, wie er und seinesgleichen sie immer zu bekämpfen vorgaben. Die ersten Trauerplakate an der Unfallstelle trugen aber die Aufschrift: "Jörg, Du bist unsere Lady Diana" und dann: "Jörg, Du bist unser König der Herzen."

Zum Mythos wird die Lüge, indem ihr demonstrativ geglaubt wird und indem man sie gegen die Ungläubigen manchmal kindisch, manchmal rabiat verteidigt. Dass Kärnten, dieses "südlichste" Bundesland Österreichs, Haider nach seinem Tode beinahe heiliggesprochen hat und man auch aus anderen Teilen Österreichs in die Heiligsprechung einstimmte, ist ein Phänomen, gegen das Empörung weniger am Platz ist als die sozial-psychologische Studie von Klaus Ottomeier: Jörg HaiderMythenbildung und Erbschaft.

Ich empöre mich gern, aber Ottomeiers Studie überzeugt mich davon, dass Haider eine Antwort auf die seelische Not meiner Landsleute war. Diese Antwort wurde auch deshalb so geschätzt, weil sie die Not selbst nicht zur Sprache brachte. Keinesfalls von den Kränkungen reden, die einem die eigene Schuld, zum Beispiel am Nationalsozialismus, bereitet, lieber wie Haider auftrumpfend vor den Veteranen der Waffen SS sagen: "Dass es in dieser regen Zeit noch anständige Menschen gibt, die einen Charakter haben und die auch bei größtem Gegenwind zu ihrer Überzeugung stehen und ihrer Überzeugung bis heute treu geblieben sind. Und das ist eine Basis, meine lieben Freunde, die auch an uns Junge weitergegeben wird."

Haider trat als Sohn auf, der nicht zuletzt im Hinblick auf die eigenen Eltern die Versöhnung mit seinen Ahnen, ja, deren Ehrenrettung betrieb. Aber er trat auch als Vater auf, der persönlich den Armen Geld überreichte. Zugleich aber trat er auch als schicker Typ auf, der in einem Lokal mit einem Getränk in der einen Hand die andere um den Nacken eines Jungen legte. Aber er trat auch im Trachtenanzug auf, tief innig das Kärntner-Lied singend Pfiat Gott liabe Olm. Und in jeder dieser Rollen wirkte er so natürlich, als wären es keine Rollen. Aber welche Not muss herrschen, dass so ein Schauspiel den Leuten ans Herz geht.