Warum eigentlich ist Elisabeth Selbert fast vergessen? Wieso kennt kaum jemand den Namen der SPD-Politikerin, auf deren Initiative hin der schlichte, aber ungeheuer folgenreiche Satz "Männer und Frauen sind gleichberechtigt" ins Grundgesetz gelangte? Warum heißt keine Schule nach Friedrich Wilhelm Wagner? Auf seinen Antrag immerhin wurde die Abschaffung der Todesstrafe in die Verfassung geschrieben. Und wo gibt es den Gedenkstein für Robert Lehr, den sauerländischen Widerständler gegen die Nazis, ehedem Landtagspräsident von Nordrhein-Westfalen, dann Adenauers Innenminister, dem das deutsche Parlament den Namen "Bundestag" verdankt?

Auf eigentümliche Weise sind die 65 Männer und Frauen, die vor sechzig Jahren das Grundgesetz geschrieben haben, weithin Unbekannte geblieben. Fast ist man überrascht, dass es sie in den Nachkriegswüsten überhaupt gab: veritable Demokraten, die von den Landtagen entsandt wurden, ohne Zutun der Alliierten. Während aber die founding fathers der Vereinigten Staaten bis heute wie Helden verehrt werden und jede neue Biografie über Alexander Hamilton oder James Madison zuverlässig die US-Bestsellerlisten erobert, sind die Autoren der deutschen Verfassung nie ins öffentliche Bewusstsein gedrungen. Wer weiß schon etwas über Willibald Mücke, Friederike Nadig oder Kaspar Gottfried Schlör? Über einen Eintrag bei Wikipedia kommen die meisten von ihnen nicht hinaus. Das Fußball-Wunder von Bern ist im kollektiven Gedächtnis präsenter als das Verfassungs-Wunder von Bonn.

Das ist nicht nur eine verpasste Chance republikanischer Traditionsbildung. Es ist vor allem ein Jammer, weil sich über die Verfassungsmütter und -väter, die am 1. September 1948 zwischen ausgestopften Tieren im Bonner Museum Koenig feierlich zusammenkamen, vieles über die prägenden Momente der frühen Bundesrepublik erzählen ließe. Was trieb diese Menschen, die dem zerstörten, geteilten und geächteten Deutschland eine neue Konstitution zu geben versuchten, permanent von den Alliierten überwacht, gebeutelt von den Erinnerungen an Krieg und Völkermord, in Sorge vor einem Dritten Weltkrieg? Woher kamen sie, wie hatten sie sich im "Dritten Reich" durchgeschlagen? Wie verliefen ihre Debatten, wer prägte den eindrucksvollen Stil des Verfassungstextes, dessen Prägnanz und Durchsichtigkeit bis heute beeindrucken?

Auch in der Flut der Neuerscheinungen, die sich in diesem Frühjahr dem sechzigsten Geburtstag des Grundgesetzes widmen, tauchen die Verfasser der Verfassung allenfalls schemenhaft auf. Das mag in einem juristischen Werk wie Jörn Ipsens Der Staat der Mitte noch verständlich sein. Der Osnabrücker Verfassungsrechtler stellt in seiner Verfassungsgeschichte der Bundesrepublik klassisch rechtshistorisch die prägenden Strukturprinzipien und juristischen Prozesse in den Mittelpunkt, nicht das handelnde Personal der ersten Stunde. Erstaunlicher ist die Konzentration auf das Prozessuale hingegen bei einem Historiker wie Michael F. Feldkamp. Dessen Schilderung der Arbeit des Parlamentarischen Rates ist wahrscheinlich die kenntnisreichste Studie zum Thema, ebenso präzise wie detailsatt. Schritt für Schritt zeichnet er die Ereignisse zwischen September 1948 und Mai 1949 nach, entfaltet die verfassungspolitischen Konflikte, würdigt die Debatten der Unterausschüsse und kennt das Misstrauen der Alliierten im Hintergrund. Doch eigenartigerweise fehlt ihm jeder Blick für das Biografische, fast so, als sei das Grundgesetz von Automaten geschrieben worden, nicht von Politikern und Juristen.

Vielleicht sind es nicht zufällig zwei Bücher von Journalisten, in denen gelegentlich etwas über die handelnden Charaktere aufblitzt: In Christian Bommarius’ Das Grundgesetz. Eine Biographie und in Die Deutschen und das Grundgesetz, einer Sammlung kluger "Verfassungsgeschichten" von Maximilian Steinbeis und dem Ehepaar Marion und Stephan Detjen, kann, wer mag, manches über die vielfach gebrochenen Lebensläufe der Verfassungsautoren erfahren, über ihre Hoffnungen und ihren Ehrgeiz, über den Alltag der Arbeit am Grundgesetz. Den weißen Fleck im politischen Gedächtnis der Nation aber können – und wollen – auch diese Autoren nicht beseitigen.

Diese Distanz ist nicht neu. Sie hat den Parlamentarischen Rat von Anfang an begleitet. Eindrucksvoll schildert Bommarius in der Eingangssequenz seines Buches, wie fern den Deutschen im Herbst 1948 die Arbeit am Grundgesetz war. Sie hausten in ausgebombten Städten, litten Hunger, schauten sorgenvoll in die Zukunft. Eine neue Verfassung war ihnen herzlich gleichgültig, die Abgeordneten blieben ihnen fremd. Vermutlich war die Szene vor der Bonner Pädagogischen Akademie, dem Tagungsort der Verfassungsgeber, nicht untypisch, die der FDP-Politiker Thomas Dehler seinen Kollegen im Parlamentarischen Rat schilderte. Er habe gehört, "wie eine vorbeigehende Dame auf die Frage nach der Bedeutung der schwarz-rot-goldenen Fahne auf dem Turme erklärte, hier prassten die Parlamentarier auf Kosten des Volkes".

Tatsächlich war der Parlamentarische Rat in einem entscheidenden Punkt alles andere als repräsentativ für Westdeutschland, wie der Göttinger Verfassungsrechtler Christoph Möllers in seiner schmalen, eminent lesenswerten Einführung in Geschichte und Bedeutung des Grundgesetzes hervorhebt: "Nur sehr wenige Mitglieder des Parlamentarischen Rates waren allzu tief in den Nationalsozialismus verstrickt gewesen, sehr viel mehr dagegen befanden sich in der inneren oder äußeren Emigration oder hatten sich gar im Widerstand engagiert, nicht wenige hatten im Konzentrationslager gesessen. Damit blieb der Parlamentarische Rat das einzige relevante staatliche Organ in Westdeutschland, in dem die politische Opposition zum Nationalsozialismus eine Mehrheit hatte." Für die Verfassung war das ein Glücksfall, für ihre Verankerung im Volk eher ein Nachteil.