Ich traf einen Rechtsanwalt. Er verteidigt jugendliche Delinquenten, in der Regel Drogendealer mit Migrationshintergrund. Na, fragte ich, wie gehen die Geschäfte? Ganz mies, sagte er. Jetzt habe ich endlich mal wieder einen kleinen Heroinfall an Land gezogen, Pipifax, weniger als ein Kilo. Die Kriminalität sinkt ununterbrochen. Was habe ich vor fünfzehn, zwanzig Jahren zum Beispiel an Bankräubern verdient! Es gibt praktisch keine Banküberfälle mehr, wegen der neuen Sicherungssysteme. Bankraub, das ist wie Telefonzellen und Tante-Emma-Läden.

Ich glaubte, das Gegenteil gelesen zu haben. Es wird doch alles überall immer schlimmer, oder? Der Rechtsanwalt winkte ab, glauben Sie nicht den Statistiken, sagte er. In Berlin haben sie eine Strafkammer komplett dichtmachen müssen.

Für einen Augenblick stellte ich mir eine ideale Welt vor, eine Welt ohne Verbrechen, ohne Krankheiten, ohne unglückliche Kindheiten, ohne Alter und Tod, sogar ohne Übergewicht, alle lieben sich, die ganze Zeit. Vor meinem geistigen Auge wuchs ein Riesenheer aus dem Boden, arbeitslose Juristen, arbeitslose Ärzte und Sozialarbeiter, arbeitslose Psychiater und Paartherapeuten, Bestatter, Altenpfleger und Weight-Watchers-Berater. Auch die Theater und die Kinos müssen wahrscheinlich dichtmachen; wenn es keine gesellschaftlichen Probleme, keine Verbrechen und keinen Liebeskummer mehr gibt, dann gibt es auch für die Autoren keine Stoffe mehr.

Mindestens fünfzig Prozent aller Jobs existieren nur deswegen, weil die Welt so ein verdammtes Jammertal ist und der Mensch eine Fehlkonstruktion! Das macht man sich gar nicht klar, wenn man ans Paradies auf Erden denkt oder an die Ankunft des Messias oder meinetwegen, wie Bert Brecht, an den Kommunismus. In dem Moment, in dem es allen gut geht, sind sofort fast alle arbeitslos. Glück wäre die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten, ein Ökonomie-Armageddon. Aus Kummer über ihr Glück würden die Leute sofort wieder damit anfangen, Verbrechen zu begehen, schlimmere als je zuvor.

Jetzt sagte der Anwalt: "Wirtschaftssachen und Medizin. Das geht gut. Man müsste Wirtschaftsanwalt sein oder Ärzte verklagen." In der Süddeutschen Zeitung stand, dass in Deutschland jährlich Hunderte sterben, weil der Arzt eine falsche Diagnose gestellt und sie falsch behandelt hat. Wenn sie überhaupt nicht zum Arzt gegangen wären, würden sie vielleicht noch leben. Wer zum Arzt geht, hat eine Chance, geheilt zu werden, gleichzeitig muss er das kleine Risiko ertragen, an genau diesem Arzt zu sterben. In Tennessee aber, erzählte die Soziologin Dagmar Herzog auf einer Veranstaltung, soll infolge der Wirtschaftskrise die Todesstrafe abgeschafft werden. Es ist, wegen des juristischen Aufwandes, teurer, eine Person hinzurichten, als sie lebenslang einzusperren. Die Wirtschaftskrise ist ein sehr großes Glück, mein Freund, falls du zufällig ein Mörder aus Tennessee bist.