Ob der edle Spanier endlich entkorkt wird? Seit Wochen steht in Torsten Ensslins Büro in Garching, eingehüllt in zarte Plastikfolie, eine dunkelrote Flasche "Planck-Rioja" im Regal. " Specially selected for the Planck Team", steht auf dem Etikett. " Die kommt von einem unserer Mitarbeiter in Spanien, der dort ein Weingut hat", berichtet der Astrophysiker. Unangetastet wartet der Wein auf den Doppelstart der Satelliten Planck und Herschel, die am Donnerstag dieser Woche gemeinsam abheben sollen. "Wenn alles gut geht", hofft Ensslin, "geht es der Flasche an den Kragen."

Nicht nur am Max-Planck-Institut für Astrophysik in München-Garching sehnt man seit Langem diesen Tag herbei. Auch weltweit bibbern Forscher der teuersten und kompliziertesten Weltraummission Europas entgegen. Der zweifache Start hat Symbolwert. Zum einen, weil die Europäer es wagen, mit einer Ariane-5-Rakete zwei ihrer teuersten Satelliten gemeinsam in den Orbit zu bringen – Planck, der das Echo des Urknalls mit nie erreichter Genauigkeit vermessen soll, und Herschel, der Aufschluss über die Entstehung von Galaxien und Sternen im frühen Universum geben wird (siehe Kästen). Zum anderen aber auch, weil die beiden Satelliten zwei völlig unterschiedliche Arten von Astronomie repräsentieren.

Als ob Karl-Theodor zu Guttenberg und Gregor Gysi sich ein Taxi teilen

Herschel ist ein multi purpose space observatory , zu Deutsch: eine Eier legende Wollmilchsau. Sein Spiegel ist größer als der des berühmten Hubble-Teleskops, Herschel kann Sterne, Galaxien und Kometen ins Visier nehmen, und Wissenschaftler aus aller Welt dürfen basisdemokratisch Beobachtungszeit beantragen – das ist Himmelsforschung in guter alter Tradition. Der Planck-Satellit dagegen dient vor allem einem einzigen Zweck: Er soll gewaltige Datenmengen anhäufen und bisherige Messungen des Urknallechos um ein paar Kommastellen verbessern, das ist die Astronomie neuen Stils. Dass Planck und Herschel nun aus Kostengründen auf derselben Rakete ins All fliegen, mutet an, als müssten Gregor Gysi und Karl-Theodor zu Guttenberg sich auf dem Weg zum Bundestag ein Taxi teilen.

Man kann ruhig von einem Kulturkampf unter Astronomen sprechen. Dabei geht es nicht nur um die Verteilung von Forschungsmitteln. Es geht im Jahr der Astronomie auch um die Zukunft der ältesten aller Wissenschaften; um das Erbe Galileo Galileis, der vor vierhundert Jahren erstmals mit einem Teleskop in den Himmel spähte; und es geht um die Frage, ob die Kosmologie heute einem Phantom hinterherjagt – dem Phantom namens "Dunkle Energie".

Dieser Begriff geistert seit 1998 durch die Physik. Damals hatten Astronomen anhand von im All verteilten Sternexplosionen geschlossen, dass das Universum sich derzeit schneller ausdehnt als noch vor einigen Milliarden Jahren. Dabei hatte man eigentlich gedacht, dass die kosmische Materie den Schwung des Urknalls abbremsen und vielleicht sogar eines Tages umkehren würde. Nun jedoch schien es, als würde eine Art Antischwerkraft den Kosmos immer stärker auseinanderdrücken. "Dunkel" tauften Kosmologen diese Energie, weil sie keinen blassen Schimmer hatten, was diese Energie hervorbringt.

Trotz der ungeklärten Entstehungsfrage glauben heute die meisten Physiker, dass die Dunkle Energie existiert. Denn viele Rätsel der früheren Astronomie lösen sich damit in Wohlgefallen auf. So passten zum Beispiel die unterschiedlichen Angaben zum Alter des Universums plötzlich viel besser zusammen. Auch die jetzige Ausdehnungsgeschwindigkeit ist kaum anders zu erklären. Und die ersten Hinweise auf die rätselhafte Kraft der Dunklen Energie hofft man seit einigen Jahren im Echo des Urknalls, der sogenannten kosmischen Hintergrundstrahlung, zu entdecken.

Man habe das Antlitz Gottes erblickt, fabulierte der Astrophysiker George Smoot, als der Cobe-Satellit Anfang der neunziger Jahre erstmals feine Intensitätsschwankungen im Echo der Hintergrundstrahlung entdeckte. Damit lieferte Cobe nicht nur ein wichtiges Indiz für die Urknalltheorie, sondern leitete auch die Zeit der Präzisionsmessungen ein. "Die Kosmologie wurde seit der Antike von Spekulationen dominiert – diese Ära ist vorbei", jubelte Smoot. "Jetzt kommt die Zeit der Wissenschaft." Nun soll der Planck-Satellit diesen Trend fortsetzen und Gott quasi ins Kleinhirn blicken.

Er soll gewissermaßen den Beginn der naturwissenschaftlichen Schöpfungsgeschichte erforschen, genauer: die ersten 0,000000000000000000000000000000001 Sekunden. In diesem Körnchen Zeit, glauben Kosmologen, hat sich das Universum explosionsartig ausgedehnt, bevor es seine Expansion gemächlicher fortsetzte. Das sagt jedenfalls die Theorie der Inflation, eine noch unbewiesene Ergänzung des Urknallmodells. Und der Brandbeschleuniger für diese explosive Frühphase könnte dieselbe Dunkle Energie gewesen sein, die das Universum auch heute weiter auseinandertreibt.