Pakistans Armee hat den Kampf gegen die Taliban im Swat–Tal ernsthaft aufgenommen – das jedenfalls behaupten die Generäle, und das sagen die Zahlen: Rund 500.000 Menschen sind auf der Flucht, manche Beobachter gehen sogar von einer Million aus. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen versorgt jedenfalls inzwischen 650.000 Menschen mit Notrationen.

Wer hat diese Katastrophe zu verantworten?

Die Taliban, diese Antwort kommt leicht über die Lippen. Sie haben im Swat-Tal unter dem Vorwand, die Scharia einzuführen, ein Schreckensregime errichtet. Gleichzeitig sind sie aus diesem Tal bis auf 100 Kilometer an die pakistanische Hauptstadt Islamabad vorgerückt. Damit haben sie das Abkommen, das sie mit Pakistans Regierung geschlossen hatten, gebrochen und die Staatsmacht herausgefordert. Die reagiert mit der gebotenen Härte.

Das ist eine richtige Antwort auf die Frage nach der Verantwortung für die humanitäre Katastrophe, die sich in diesen Tagen vor den Augen der Welt abspielt. Doch gibt es andere.

Der Krieg in Swat kommt nur auf den ersten Blick überraschend. Bei genauerer Betrachtung war er lange angekündigt. Als US-Präsident Barack Obama vor einigen Wochen seine Afghanistan–Strategie vorstellte, rückte er einen neuen Begriff in das Zentrum: "Afpak". Er bedeutet, dass Obama nach sieben Jahren nicht sehr erfolgreichen Kampfes in Afghanistan den Krieg nach Pakistan ausweiten würde. Das geschieht jetzt. Eine halbe Million Flüchtlinge sind der einkalkulierte "Kollateralschaden" von Obamas Zauberformel "Afpak".

Als die Taliban bis auf 100 Kilometer nach Islamabad vorrückten, wirkte das wie der Beschleuniger einer schon festgelegten Strategie. US-Außenministerin Hillary Clinton war alarmiert: "Die pakistanische Regierung dankt vor den Taliban ab!" Sie rief die Pakistaner zum Widerstand auf und meinte damit vor allem die Generäle. Wenige Tage später flog die pakistanische Armee Bombenangriffe und rückte mit 15000 Soldaten in das Swat-Tal vor.

Die Armee hat auf den dramatisch vorgetragenen Alarmruf Hillary Clintons reagiert. Auch wenn die Generäle zu Recht sagen, es gehe jetzt um die Seele Pakistans, auch wenn die Regierung darauf besteht, dass man für das eigene Land kämpfe und nicht für die USA; diese Einsicht setzt sich – wenn überhaupt – nur sehr langsam durch. Eine aktuelle Umfrage des amerikanischen International Republican Institute ergab, dass eine übergroße Mehrheit der Pakistaner nicht den Kampf gegen den Terror als das Hauptproblem des Landes sehen. Allerdings glauben 74 Prozent der Befragten, dass religiöser Extremismus eine Gefahr darstellt. Und 45 Prozent unterstützen die Armee in ihrem Kampf gegen die Taliban – die Umfrage wurde allerdings vor der Offensive in Swat durchgeführt. Am ehesten lässt sich aus dieser Umfrage destillieren, dass die Pakistaner sich der Gefahr bewusst sind, jedoch eine ganz andere Definition von Terror haben. Anders gesagt: Die Taliban sind in ihren Augen eine ernsthafte Bedrohung, die USA aber sind der ungeliebte, gefährliche Bündnispartner. Die meisten Pakistaner glauben, dass die Anschläge vom 11.September Produkt einer Verschwörung waren. Nicht al-Qaida stecke dahinter, sondern die USA selbst. Die Anschläge seien nur ein willkommener Vorwand gewesen, um muslimische Länder wie Afghanistan und den Irak anzugreifen und zu besetzen. Das mag man für absurd halten, doch solche Verschwörungstheorien entfalten eine eigene Wirkungsmacht. In den Augen der meisten Pakistaner sterben die Soldaten in Swat nicht für ihr Land, sondern für die Sache Amerikas. Auch wenn die Pakistaner die Taliban zunehmend als existenzielle Bedrohung empfinden und bereit sind, den notwendigen Kampf mit militärischen Mitteln zu führen, der Westen muss sich zurückhalten, rhetorisch, politisch, militärisch – die Militarisierung des Konfliktes unter dem Schirm der USA untergräbt Pakistans Abwehrkräfte. Pakistan muss für Pakistan kämpfen.