Vorträge in Griechenland, China oder den USA: Ludwig Rongen reist viel, seitdem der Klimaschutz zum großen Thema geworden ist. Der Architekt und Professor plant Passivhäuser. So werden Gebäude genannt, die sich passiv aufheizen und kühlen und so kaum Energie verbrauchen. Dazwischen kommt Rongen immer wieder nach Erfurt, wo er an der Fachhochschule das neue Masterprogramm "Passivhaus +" leitet.

25 Plätze stehen zur Verfügung, zehn Studenten haben im vergangenen Wintersemester mit dem Master begonnen. Da es bisher kaum Bachelorabsolventen gab, war der Andrang zunächst verhalten. Außerdem hegen viele Architekten noch Vorbehalte gegen das Passivhaus. "Viele scheuen sich vor der verstärkten Auseinandersetzung mit Bauphysik. Außerdem denken sie, dass sie dann Gebäude mit dicken Wärmedämmungen und unstimmigen Proportionen entwerfen müssen", sagt Rongen. Wichtig ist ihm deshalb das Plus im Namen des Studienganges. "Es steht dafür, dass hocheffiziente Gebäude mehr sind als nur supergedämmte Hüllen oder gesichtslose Kisten."

In seinen Vorträgen präsentiert Rongen eine Vielzahl an Fotos von gelungenen Neu- und Umbauten. Das kubistisch anmutende Haus eines niederländischen Paares ist eines davon: Es ist im Erdgeschoss an drei Seiten fast komplett verglast. Auf dem Dach steht eine Photovoltaikanlage, die Fenster sind wie die restlichen Außenwände supergedämmt. Gleichzeitig leitet das viele Glas Wärme nach innen. Damit es nicht stickig wird, gibt es ein Lüftungssystem, das die frische Luft filtert und auch noch aufwärmt.

Ein solches Passivhaus schont Umwelt und Geldbeutel: Während ein Niedrigenergiehaus noch 7,5 Liter Heizöl pro Quadratmeter im Jahr verbraucht, sind es beim Passivhaus gerade mal 1,5. Das Haus des niederländischen Paares gilt sogar als CO₂-neutral.

Einige Städte wie Frankfurt am Main bauen inzwischen alle neuen kommunalen Gebäude als Passivhäuser. Die EU plant, das Passivhaus bis 2015 verbindlich als Standard für Neubauten einzuführen. Über mangelnde Aufträge kann sich Ludwig Rongen deshalb nicht beschweren. Die Konkurrenz ist außerdem noch sehr überschaubar. Zwar gibt es in Deutschland mehr als 100.000 bei der Kammer eingetragene Architekten, zertifizierte Passivhausplaner sind davon aber nur etwas mehr als 150. In Thüringen, wo Rongen lehrt, sind es zwei. Ihn selbst eingeschlossen. "Der Bedarf ist riesig. Und wir bekommen in unserem Büro einfach nicht genügend qualifizierte Mitarbeiter. Es gibt niemanden auf dem Markt." Das soll sich mit dem Studiengang nun ändern. Und der Professor ist davon überzeugt, dass sich seine Studenten nach dem Abschluss um Bewerbungen nicht mehr kümmern müssen. "Die Architekturbüros werden mit Angeboten auf sie zukommen. Da würde ich drauf wetten."

Barbara Schlesinger, Referentin für Architektur und Bautechnik der Bundesarchitektenkammer, ist mit solchen Prognosen etwas vorsichtiger. "Das Passivhaus bietet sich aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten vor allem bei Neubauten an. Diese machen aber nur einen sehr kleinen Teil auf dem Markt aus", erklärt sie. Einen erhöhten Bedarf an Experten für energieeffizientes Bauen sieht sie allerdings auch: "Dieser Bereich hat erheblich an Bedeutung gewonnen, und wer da auf dem neuesten Stand ist, hat im Moment sicher gute Chancen, eine Stelle zu bekommen."

Studiengebühren kostet der Master keine, und die Zertifizierung zum Passivhausplaner gibt es gratis dazu. Im Gegensatz zu anderen Masterprogrammen ist dieser Studiengang aber nicht berufsbegleitend. Während Rongen der Experte für Passivhäuser ist, liegt der Schwerpunkt seines Kollegen Rolf Gruber auf der internationalen Ausrichtung des Studiengangs. So gibt es unter anderem Kooperationen mit China, Indonesien, Indien, Spanien und den USA. Ziel ist es, gemeinsame Projekte zu erarbeiten. Im Herbst werden die Masterstudenten erstmals für einen Workshop ins chinesische Chengdou reisen. Drei von ihnen kommen bereits von der dortigen Universität.

Ein Passivhaus muss sich zwar nicht unbedingt optisch von anderen Gebäuden unterscheiden. Die Herausforderung für die Studenten soll aber sein, eine eigene Ästhetik zu finden. "Einem energiesparenden Auto möchte man vielleicht auch ansehen, dass es anders ist als ein herkömmliches", findet Gruber. Die erste größere Aufgabe für die Studenten lautete deshalb,ein fiktives Kompetenzzentrum für energieeffizientes Bauen in China zu entwerfen. Ein Passivhaus also, in dem sich die Menschen mit genau diesem Thema beschäftigen. Und das soll sich auch in seinem Design widerspiegeln.

Damit sie sich fast wie in einem Architekturbüro fühlen, haben alle Studenten ihren eigenen Arbeitsplatz. Auf dem großen Tisch in einem der Arbeitsräume stehen mehrere Modelle von Kompetenzzentren aufgereiht. Das von Ina Marquardt besteht aus mehreren aufeinandergestapelten Glasquadern, jeder für sich ein Passivhaus. Wie ein Muster in die durchsichtigen Wände eingelassen sind Photovoltaikanlagen, die so zum Gestaltungselement werden. Auch bei den anderen Modellen wird viel mit Formen und Materialien gespielt. "Wir sind noch auf der Suche", sagt Gruber, und seine Studentin ergänzt: "Das Thema Passivhaus hat heute nichts mehr mit Ökos mit langen Bärten zu tun, sondern es geht um hochtechnisiertes Bauen."