Einfach hatte es die Pflegewissenschaft in der Bundesrepublik nie. Das Pflegepersonal braucht fundierte praktische Kenntnisse und kein Studium – sagten Ärzte. Gute Pfleger lernen am Krankenbett und nicht im Hörsaal – sagten hingegen viele Pfleger. Wozu braucht man zum Patientenwaschen ein Diplom? – fragten all die anderen Kritiker, als sich die Pflegewissenschaft vor gut 15 Jahren an den Hochschulen etablierte.

All diese Bedenken täten der jungen Wissenschaftsdisziplin unrecht, sagt Ingrid Kollak, Professorin für Pflegewissenschaft an der Berliner Alice-Salomon-Hochschule. Noch nie sei eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Pflege so wichtig gewesen wie heute. "Die Gesellschaft altert, mehr Menschen sind längere Zeit auf Pflege angewiesen, hierfür brauchen wir in den Pflegeheimen, ambulanten Diensten und allen anderen Einrichtungen professionell ausgebildete Kräfte."

An diesem Morgen diskutiert Kollak mit Studenten des Masterstudiengangs Pflegemanagement darüber, wie es alten Menschen ermöglicht werden kann, so lange und selbstständig wie möglich zu Hause zu leben. In Projektgruppen beschäftigen sich die Studenten mit technischen Neuerungen und ethischen Grundsätzen der ambulanten Altenpflege. Eine Studentin referiert über einen Pflegeroboter aus Japan namens Paro, er hat die Form einer Robbe und soll bei Demenzkranken therapeutische Wirkung haben. "Was ist das für eine Gesellschaft, die zur Betreuung ihrer Kranken Spielzeuge braucht?", fragt sie.

Ihr Kommilitone berichtet von seinem Praktikum bei der Fraunhofer-Gesellschaft, hier beschäftigte er sich damit, wie das Fernsehen für Senioren internettauglich gemacht werden kann. "Wir arbeiteten an Communitys für Senioren, die sie mit der Außenwelt kommunizieren lassen, und an Plattformen, mit denen sie einkaufen oder Hilfe rufen können", erzählt er.

Die Studenten ersinnen Ideen, wie sich ein Heimaufenthalt verschieben lässt und pflegebedürftige Menschen zu Hause nicht vereinsamen. Sie suchen nach Lösungen für ein drängendes Problem: Im Jahr 2050 wird voraussichtlich ein Drittel der Deutschen älter als 60 sein, verhältnismäßig weniger Pflegekräfte werden sich um die Pflegebedürftigen kümmern müssen. Doch nicht nur im Bereich der Altenpflege nimmt der Bedarf an der wissenschaftlichen Auseinandersetzung zu. Pflegespezifische Studiengänge haben allesamt in letzter Zeit einen Boom erfahren. Weit über 50 von ihnen schossen aus dem Boden. Die Palette reicht von Pflegemanagement über Gesundheitswissenschaft bis zu Public Health – so unterschiedlich die Bezeichnungen, so unterschiedlich sind die Inhalte.