Alles schien etwas übertrieben, ein wenig arg inszeniert. Das angemietete Clubrestaurant hoch über den Dächern war menschenleer, das Büffet zu groß, die junge Frau an der Bar zu hübsch, sie ordnete die Angelegenheiten, seine Angelegenheiten. Unten lag grau der Teil von Berlin-Mitte, den die meiden, die es gern gemütlich haben, alt, authentisch. Diese Gegend hier konnte ihre Künstlichkeit und Kälte nicht verbergen, größtenteils war sie in den Nachwendetagen hingerammt worden ins Niemandsland um den Potsdamer Platz, doch ihre großstädtische Modernität war leblose Behauptung geblieben.

Der Ort war extra gewählt worden für den Interviewzweck, seine grenzwertig coole Wirkung sicher erwünscht. Einsam und allein sitzt der Gastgeber an einem Tisch vorm Panoramafenster. Als man sich ihm nähert, rückt er kurz das Revers seiner Anzugjacke zurecht, steht auf und streckt seine Hand zur Begrüßung aus. So wie man das macht als Geschäftsmann.

Helmut Geier, schmale Gestalt, exakt onduliertes rotblondes Haar, muss man sich als einen Mann vorstellen, der nie ganz da zu sein scheint; der nie ganz aufgeht in einer Situation, sich nie gemeinmacht, immer kontrolliert wirkt, abwesend, mit den Gedanken schon woanders, sogar wenn er im Mittelpunkt steht. Und Geier steht ziemlich häufig im Mittelpunkt, in seinem Hauptberuf als DJ Hell seit rund einem Vierteljahrhundert.

Geier hat in dieser Zeit schon so ungefähr an jedem Ort der Welt Platten aufgelegt, in billigen Dorfdiscos, bei überdrehten Couture-Modeschauen, vor Abertausenden zugedröhnter Techno-Raver. Aber sein eigentliches Habitat ist der exklusive Club, das ist sozusagen das mobile Versprechen, das er mitbringt, egal, wo er hinkommt und wie es dort wirklich aussieht: Hell liefert schöne Menschen, teure Getränke, schweißtreibende Ausschweifungen. Wo Hell ist, schaut es gut aus.

Geier hatte den Ort, das Solar in der Stresemannstraße, aussuchen lassen, um über sein neues Album Teufelswerk zu reden, sein viertes erst, Geier ist immerhin schon 46 Jahre alt, aber jetzt will er es dann scheinbar doch wissen. Teufelswerk ist ein Doppelalbum, und zwar eines mit einem strengen Konzept, es gibt eine Tag- und eine Nachtseite, entsprechend ist die Musik auf der einen eher licht, verspielt, melodiös, auf der anderen düster, hart, minimalistisch.

Die Musik funktioniert in erster Linie, da entspricht sie ganz der Techno-Orthodoxie, die genau das fordert, Musik soll funktionieren. Man kann zu Hells Musik tanzen oder entspannen, doch sie besitzt einen entscheidenden Überschuss: Teufelswerk ist ein historischer Überblick über die elektronische Musik der letzten bald vierzig Jahre aus der subjektiven Sicht eines DJs. Zitate der Kosmischen Musik tauchen darin ebenso auf wie solche zur deutschen Band Kraftwerk, und unter allem wummert der ewige Bass von House und Techno, erfunden einst in Detroit und Chicago.

Dass Hell ein historisches Bewusstsein besitzt, ist keine neue Entdeckung, wesentliche Teile seines musikalischen Œuvres bestehen aus Neubearbeitungen alter Lieder. Interessant aber ist die Art, wie er nun neue Lieder mit Altem, Historischem füllt, interessant sind auch der Zeitpunkt und die fast heroische Geste, dies in Form eines Konzept-Doppelalbums zu machen: Eigentlich ist schon die pure Albenform dem Techno wesensfremd, er basierte immer auf einzelnen Tracks.