Yoo kämpft um seinen Ruf und seine berufliche Zukunft. Die meisten Studenten an seiner Heimatuniversität Berkeley wollen nicht, dass er zurückkommt. Vor wenigen Wochen verlangten Kollegen seine Entlassung aus dem Universitätsdienst. Und der "Ausschuss für berufliche Verantwortung" im Justizministerium wird wohl bald disziplinarische Maßnahmen gegen ihn empfehlen.

John Yoo hat die Welt nach dem 11. September 2001 nicht plötzlich mit neuen Augen gesehen. Frühere Interviews und seine Bücher, Gespräche mit ehemaligen Weggefährten, von denen die meisten anonym bleiben wollen, weil sie womöglich noch vor einem Untersuchungsausschuss aussagen müssen, verraten viel über die Gedankenwelt des John Yoo.

Am Tag der Terroranschläge sitzt Yoo in seinem Büro im Justizministerium in Washington. Er schaltet den Fernseher ein, als gerade das zweite Flugzeug in die Türme des World Trade Center kracht. Bald darauf sieht er die Bilder vom brennenden Pentagon. Die Hauptstadt sei plötzlich wie ausgestorben gewesen, erinnert er sich, "nirgendwo konnte man mehr etwas zu essen kaufen. Es war wie in einem Science-Fiction-Film, wo jemand aufwacht und alle Leute sind weg." Auch das Justizministerium wird evakuiert, nur Yoo und einige andere wichtige Leute bleiben zurück. Der Rechtsrat ist wie das Oberste Gericht der Regierung, er sagt, was die Exekutive darf – und was nicht. Seine Gutachten sind wie in Stein gemeißelt.

Die erste Frage in diesen Tagen lautet: Ist Amerika im Krieg? Und welche Machtbefugnisse hat der Präsident? Yoos Antwort: Ja, wir sind im Krieg. Und der Präsident hat deshalb so gut wie uneingeschränkte Macht. Es ist die Stunde des John Yoo, zu diesem Thema hat er jahrelang gelehrt und geschrieben. Alle amerikanischen Kriegserklärungen hat er gelesen und alle Ermächtigungen, die der Kongress jemals in Kriegszeiten erlassen hat. Wie ein Magnet zieht Yoo alle kniffligen Fragen an. Aber nicht nur wegen seines Wissens, sondern auch wegen seiner Rechtsauffassung. Yoo sei für die Bush-Regierung ein "Gottesgeschenk" gewesen, sagt Harvard-Professor Jack Goldsmith, kaum ein Zweiter im Rechtsrat hätte den Folterbegriff so eng gefasst und die Präsidentenmacht so weit ausgelegt.

Goldsmith und Yoo waren damals enge Freunde. Sie sind jung, brillant, sie werden von konservativen Juristen gefeiert und wagen sich weit vor. Ihr Credo: Amerikas Gesellschaft, Verfassung und Rechtssystem seien außergewöhnlich. Doch diese Einzigartigkeit werde durch den Regelwahn der restlichen Welt bedroht, etwa durch internationale Verträge wie die Antifolterkonvention. Dem müsse Einhalt geboten werden.

2001 beginnen sie ihre Arbeit bei der Bush-Regierung, Goldsmith als juristischer Berater im Verteidigungsministerium von Donald Rumsfeld, Yoo im Rechtsrat des Justizministeriums. Vor allem Yoo trifft im Weißen Hauses auf Gleichgesinnte, die wie er den Antiterrorkampf möglichst uneingeschränkt führen wollen. Regelmäßig tauschen sie sich im sogenannten Kriegskreis aus. Goldsmith gehört nicht dazu.

Dennoch, als Yoo nicht zum Leiter des Rechtsrats befördert wird und er im Herbst 2003 enttäuscht das Justizministerium verlässt, empfiehlt er seinen Freund als Nachfolger. Er ahnt nicht, was er damit ins Rollen bringt. Als Goldsmith Yoos Memoranden liest, packt ihn das Entsetzen. Yoo, schreibt er in seinem Buch Terror Presidency, habe "schludrig" argumentiert und den Bogen weit überspannt. Goldsmith zieht die Gutachten zurück, ein einmaliger Vorgang in der Geschichte des Rechtsrats. Ihre Freundschaft zerbricht darüber.