Wenn es stimmt, dass Arbeitslosigkeit den Arbeitslosen auf Dauer zermürbt, woran zeigt sich das? Wirkt er müde? Spricht er leiser und weniger entschieden? Beginnt er zu viele Sätze mit "Ach"?

Gerade noch hat Manuel Rosenkranz, der stellungslose Werkzeugmacher aus Wrist in Schleswig-Holstein, sein Haus renoviert und seine neue Freiheit genossen. Nun sitzt er am Steuer seines Autos, auf einem Parkplatz in Itzehoe, und ihm ist zum Heulen zumute. Soeben hat er sich arbeitslos gemeldet, zum ersten Mal in seinem Leben. Von seinen vier Monaten in der Transfergesellschaft sind schon fünf Wochen verstrichen, ohne dass er einem neuen Job wesentlich näher gekommen wäre. "Die Zeit vergeht so schnell", sagt seine Frau Christina.

Dabei ging es doch endlich voran! Nach vier Wochen sinnlosen Wartens hat Manuel Rosenkranz sein Bewerbungstraining absolviert, er hat sich von einem Fachmann seine Lage auf dem Arbeitsmarkt erklären lassen und eine Pflichtübung im Arbeitsamt hinter sich gebracht, die seiner Familie in den kommenden Monaten ihr Auskommen sichern wird. Das alles müsste ihn weiterbringen. Zugleich aber hat jede einzelne dieser Gelegenheiten ihm unmissverständlich klargemacht, dass er nun Mächten ausgeliefert ist, die es nicht gut mit ihm meinen.

Das Bewerbungstraining zum Beispiel: fünf Metaller, eine Frau und vier Männer, an einem Tisch in einem schmucklosen Konferenzraum. Zusammen bringen sie an die hundert Jahre Berufserfahrung mit. Die Referentin kennt sich aus, sie hat, unter anderem, in der Personalabteilung von Karstadt gearbeitet. Und worüber spricht sie mit den arbeitslosen Facharbeitern? Über ihre Qualifikation, über mögliche Schwächen, darüber, wie sie sich darstellen sollen? Sie spricht über die Farbe von Bewerbungsmappen.

Die schwarze Mappe, die Manuel Rosenkranz bei Aldi gekauft hat, "geht gar nicht", findet die Expertin, "höchstens für ein Beerdigungsunternehmen". Was dann? Nun, wenn zum Image des Betriebs eine bestimmte Farbe gehört, dann müsse dies die Farbe der Bewerbungsmappe sein. "Das beweist, Sie haben sich mit dem Unternehmen beschäftigt."

Bislang hatte Manuel Rosenkranz geglaubt, es sei seine Qualifikation, auf die es ankomme. Nun erfährt er, dass Fachkenntnisse ein Handicap sein können. 20 Jahre Berufserfahrung, das würde einen künftigen Vorgesetzten womöglich beunruhigen, wenn er selbst noch nicht so lange im Geschäft ist. "Schreiben Sie lieber langjährig."

Wenig ermutigend auch, was er über das Arbeitsamt erfährt. Das Schlüsselwort für alle Lebenslagen heißt "Mitwirkungspflicht". Sich bewerben, Termine wahrnehmen, Fristen auch ohne ausdrückliche Aufforderung einhalten – wer seiner Mitwirkungspflicht nicht nachkomme, erfährt Manuel Rosenkranz, dem könne das Geld gestrichen werden. Keinesfalls dürfe man sich auf mündliche Auskünfte verlassen, sagt die Referentin. "Sie müssen sich klarmachen, dass Sie am Ende immer selbst die Schuld tragen."

Gemessen an dieser Einführung, verläuft der Besuch bei der Agentur für Arbeit in Itzehoe unspektakulär. Die Wartezone ist nicht überlaufen, die Mitarbeiter sind freundlich. Manuel Rosenkranz hat keinen Termin abgemacht und muss dennoch nur eine Viertelstunde warten. Nach weiteren 20 Minuten ist alles erledigt. Seine Vermittlerin allerdings, die einzige Person hier, die ihm bei seiner Stellensuche helfen kann, bekommt er nicht zu Gesicht. Anmeldefrist: knapp sieben Wochen.

Es ist eine Krisenfolge, die Manuel Rosenkranz zu spüren bekommt. Normalerweise soll kein Arbeitsloser länger als zehn Tage auf einen Termin warten. Doch nun drängen so viele stellungslose Metaller auf den Arbeitsmarkt, dass die zuständige Vermittlerin überlastet ist.