Mit unseren Bundeskanzlern war in kulinarischer Hinsicht nie viel Staat zu machen. Zwar hat der dicke Helmut Kohl den Pfälzer Saumagen populär gemacht, wofür ihm die Pfalz immer noch dankbar ist. Aber außer ihm ist nur der dicke Ludwig Erhard aufgefallen, und zwar wegen seiner dicken Zigarre, ohne die er sich in der Öffentlichkeit so wenig blicken ließ wie Helmut Schmidt ohne Zigarette. Erhard hatte darüber hinaus einen Hang zur Volkstümlichkeit, die für ihn (und seitdem für alle Politiker) darin bestand, sich offiziell mit schlichter Hausmannskost zu begnügen.

Ich erinnere mich an eine Zeit, als er bekannte, dass der Pichelsteiner Eintopf seine Lieblingsspeise sei. Damit biederte er sich bei allen an, die vom Essen nicht mehr verlangten, als billig satt zu werden. Ich erfand daraufhin eine Version, die alles andere als billig und auch nicht deftig war. Es könnte sein, dass sich ältere ZEIT- Leser noch daran erinnern.

Seitdem haben Historiker herausgefunden, dass es im Leben des Ludwig Erhard noch eine weitere Lieblingsspeise gab, die ihm mindestens so ans Herz gewachsen war. Sie ähnelte seiner Pichelsteiner Liebe verblüffend, da sie ebenfalls deftig und billig war. Mit ihrer Konkurrentin dürfte sie sogar den Kochtopf geteilt haben. Es war Linsensuppe mit Würstchen.

Die Zutaten klangen in (fast) allen deutschen Dialekten gleich: Linsen, Karotten (Möhren, Wurzeln), Knollensellerie, Lauch, Öl, Speck, Kartoffeln, Salz, "Würze", Essig, Würstchen.

Im Bonner Kanzlerbungalow wurden die Linsen über Nacht in reichlich Wasser zum Quellen eingeweicht. Das lässt darauf schließen, dass es sich um große, braune Linsen handelte. Die feinere Sorte, klein und dunkelgrün, gab es damals wohl noch nicht. Alles zusammen wird so lange gekocht, bis Linsen und Kartoffelwürfel sämig sind. Sämig gehörte wie pikant und milde zum Wortschatz der Wirtschaftswunderkinder. Ihnen wurde sogar geraten, die Suppe zusätzlich mit Mehl zu binden. (Über hunderttausend Feinschmecker verließen daraufhin das Land.) Zu den Würstchen (Frankfurter?) gibt es keine genauen Angaben. Wäre ich Kanzler gewesen, hätte ich auch die "Würze" gestrichen und die Suppe mit ½ TL Safranfäden gekocht.

Erhards Karriere endete glücklos. Er trat zurück.

Linsensuppe mit Würstchen
250 g Linsen
4 Karotten
½ Sellerieknolle
1–2 mittelgroße Stangen Lauch
etwas Öl
250 g magerer Speck
2 Kartoffeln
Salz, Würze
etwas Essig
4 Paar Würstchen

Linsen gut verlesen und über Nacht in reichlich Wasser einweichen. Gemüse gründlich waschen, würfelig schneiden und 10 Minuten im heißen Öl andünsten. Die Linsen hinzufügen, mit ca. 2,5 l Wasser auffüllen. Nach etwa 1 Stunde Kochzeit Speck (im Ganzen) und würfelig geschnittene Kartoffeln hinzufügen. Nach einer weiteren Stunde den Speck herausnehmen, in Scheiben schneiden, die Suppe mit Salz, Würze und etwas Essig abschmecken, eventuell mit etwas Mehl binden. Mit dem Speck und einem Paar Würstchen pro Person servieren