Alles in seinem Leben war Veränderung. Fünfmal wechselte er seinen Namen, und jede Namensänderung stand für einen Umbruch. Er lebte an neunzig verschiedenen Orten, ungefähr hundertmal zog er von einem Haus in ein anderes um, weil ihn der Schmutz zu sehr bedrückte, er aber lieber umzog als putzte. Was wie Ziellosigkeit erscheinen mag, war Ausdruck seiner rastlosen Energie und seines Drangs nach Unabhängigkeit in einem durch Rituale und feste Ordnungen stillgestellten Land. Vielleicht folgte er bei seinen Wanderschaften und Umzügen aber auch einem abergläubischen Kalkül: Der Tod sollte seine Spur verlieren.

Das Glück war mit dem illegitimen Sohn eines Spiegelmachers. Mit zehn Jahren begegnete er als Austräger einer Buchhandlung der Leidenschaft seines Lebens: der Literatur in all ihren anspruchsvollen wie populär erzählenden Spielarten. Seine Talente führten ihn jedoch in eine andere Richtung. Bei einem strengen Meister lernte er das Handwerk, ohne das die Kunst nichts ist. Als der eigenwillige junge Mann nach der Lehre in eine etwas heruntergekommene Werkstatt eintrat, beherrschte er perfekt alle konventionellen Darstellungsformen. Er huldigte seiner Liebe zu Büchern und gestaltete schöne, melancholische Menschen wie aus einer anderen Welt. Später, als Herr eines eigenen Ateliers, löste er sich allmählich aus den Fesseln der Tradition und experimentierte mit den unterschiedlichsten Techniken und Themen.

Der große Umbruch kam unter wieder neuem Namen: Nun wurde er zum bewunderten Exzentriker jenseits aller Konventionen. Er erfand das Happening avant la lettre und konzentrierte seine ungestüme Schaffenskraft auf eine Serie anregender und witziger Lehrbücher. Es entstand eine umfassende Enzyklopädie der Gesellschaft und des täglichen Lebens, in der sich zugleich alle Formen der künstlerischen Kreativität spiegeln. Eine Erscheinung der Jugendkultur unserer Zeit verdankt diesem Kompendium ihren Namen.

Trotz seines Ruhmes lebte er stets einfach und karg. Ein verschwenderischer Schwiegersohn und eine Wirtschaftskrise stürzten ihn in immer neue Schulden. Noch im hohen Alter arbeitete er, der sich stolz als "Bauer" bezeichnete, wie ein Besessener, als ob er sich stets aufs Neue seiner Schöpferkraft vergewissern müsse. Mit einem letzten Meisterstück wurde er in einer anderen Weltgegend zur Ikone und zum Inbegriff der Kultur seines Landes: Er entwickelte ein selbstständiges Genre aus dem, was in der Konvention nur szenisches Rahmenwerk war.

Im Nachwort zum ersten Band seines wohl berühmtesten Werkes entwarf er nach seinem letzten Namenswechsel ein künstlerisches Programm, das bis in sein 110. Lebensjahr vorauswies. Dann erst, so schrieb er, werde er die Gestalt der Dinge und Wesen richtig begriffen haben. Als der Tod ihm doch früher auf die Spur kam, klagte er: "Wenn die Götter mir fünf Jahre mehr gegeben hätten, wäre ich ein großer Künstler geworden." Wer war's?

Wolfgang Müller

Lösung aus Nr. 20:
Federico Fellini (1920-1993) glangte mit Filmen wie "La Strada" (1954) und "La dolce vita" (1960) zu Weltruhm. Die Filme erhielten ihre Prägung auch durch die Musik von Nino Rota. In der Satire "Ginger e Fred" (1985) traten Fellinis Frau Giulietta Masina und sein bevorzugter Darsteller Marcello Mastroianni erstmals gemeinsam auf