Wenn die Sonne aufgeht überm Bodensee, dann ist Gottes Land in Licht getaucht. Doch der Teufel hat längst sein Werk getan: Ein toter Bub im Mädchenkleid liegt auf der Streuobstwiese. Kaum dass man der Kommissarin die Schuhgröße des Kindes zuflüstert, will man ihr auch schon den Mörder zuführen. Der jüngste Sohn des Großbauern hat neben dem Toten gesessen und seine Hand gehalten. Er ist das Spielkalb im Körper eines zurückgebliebenen Jünglings, ein Matz, den die richtigen Männer anfahren, das blöde Träumen zu lassen.

Wer aber gilt als Kerl? Klara Blum hat große Zweifel bei ihrem Ehemann, dem Kriminaloberrat Martin: Er hält eine Pressekonferenz in schwarzen Socken ab und gesteht, dass der Matz Wolfi mit seiner Dienstwaffe und seinen braunen Flechtsandalen geflüchtet sei. Die Ehekrise spitzt sich zu, und rechtzeitig zur Treibjagd bietet ihr der große Bruder des Sorgenkindes seine Hilfe an. Die Locken fallen ihm schön in die glatte Stirn, die Schulterpolster seiner Wildlederjacke rutschen ihm, wie es sich bei sensiblen Lebenskünstlern gehört, leicht weg. Die Kommissarin ist verknallt, es fällt ihr deshalb leicht, die mobile Einsatzleitung zu übernehmen, ihr Mann steht als Versager da.

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Spätestens jetzt schält sich die große Geschichte aus dem Kriminalfall: Wie kommen sie, die alten Männer, zurecht in der neuen Zeit? Ist es die Stunde, da man sie als Fallobst der Gegenwart einsammeln muss? Der Vater des minderbemittelten Sonderlings wird von allen Bauern bis hoch nach Bregenz gehasst – wieso?, fragen wir uns. Die Frau tot, das Bein vom vielen Schuften lahm, und trotzdem eine Firma und zwei Söhne. Aber es ist nicht alles schön, was glänzt: Das muss nicht nur die Frau Kommissarin entdecken. Das fesche Bauernsöhnchen nervt uns mit seinen Komplimenten, da mag Klara Blum noch so sehr rehäugig mit den Wimpern klimpern. Die Alten vom Alpenrand wissen, dass in guter wie in schlechter Zeit bloßes Gottvertrauen den Teufel hervorlockt. Der altgediente Kriminaler stellt den Kriminellen, Martin ist dem Großbauern auf die Schliche gekommen. Um die Pleite seiner Antibiotikafirma zu verhindern, hat der Schelm die Obstbäume mit Feuerbranderregern infiziert.

Das große Fressen im Schlaraffenland hielten wir immer für eine Fabel, also gehen wir der Frage nach, wer die Kunst der Täuschung so gut beherrscht, dass wir im Dunkeln tappen. Der Kindesmörder wird in seinem Wahn die Pforten der Hölle aufstoßen, und dass wir beim Nachspann reglos sitzen blieben, hat nichts mit seiner Niedertracht zu tun. Selten haben wir eine derart herrliche, tadellose und zum Sofakissenkneten wunderschöne Folge gesehen. Selten waren wir derart berührt, dass wir allen Tatort-Kritikern den Feuerbrand an den Birnenbaum wünschten. Noch am nächsten Tag lächeln wir selig, und auch der Intellektuelle des Viertels vermochte mit seinem Lob auf die amerikanischen Ballerfilme nicht unser Glück zu mindern.

Wiederholung im HR, Samstag, 16. Mai, 21.45 Uhr