In dem Märchen Momo von Michael Ende versuchen graue Herren die Menschen dazu zu bringen, möglichst viel Zeit zu sparen und diese Zeit auf die Zeitsparkasse zu bringen. Aber die Zeit wird dort nicht für später aufgehoben. Sie ist verschwunden. Die Menschen wurden um ihre Zeit betrogen. Zeit kann man nicht ansparen, um sie später wieder abzuholen. Denkt man.

In einem kleinen Büro in Berlin-Lichtenberg sitzt ein Mann mit grauem Vollbart, der behauptet, dass genau dies möglich sei. Der Mann heißt Olaf Winkel, ist Professor für Public Management an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, und er hat ein System entwickelt, mit dem er die Lehre an deutschen Hochschulen verbessern und das Prinzip der Zeitsparkasse ins Positive wenden will. Es heißt Teaching Points, und mit ihm soll es endlich möglich sein, die wirkliche Leistung von Lehrkräften an einer Hochschule zu messen und die Arbeit unter ihnen besser zu verteilen. "Mit diesem System können wir Quantität in Qualität verwandeln, wir bekommen mehr Wettbewerb an den Hochschulen und mehr Gerechtigkeit unter den Dozenten", sagt Winkel.

Winkels Idee funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wer besonders engagiert lehrt, muss künftig weniger lehren. Wer in einem Semester gute Leistungen in der Lehre erbringt, wer zusätzliche Zeit für Seminare und Betreuung von Studenten investiert, kann sich Zeit ansparen und sie im folgenden Semester wieder von seinem Zeitkonto abheben und zum Beispiel in die Forschung investieren. Jeder Dozent hat eine bestimmte, gesetzlich vorgegebene Zahl von Stunden, die er in einer Woche im Semester lehren muss. An einer Fachhochschule, wie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, sind dies zum Beispiel 18 Stunden pro Woche. Nach Winkels Konzept bekommt der Dozent für jede dieser Stunden drei Teaching Points gutgeschrieben, in diesem Beispiel also 54 Punkte. Diese bekommt der Dozent nur dafür, dass er das Seminar überhaupt anbietet, besondere Leistungen muss er dafür noch nicht erbracht haben. Vorteile aus dem System hat er aber nur, wenn er sich mehr einbringt, als es die Vorschrift von ihm verlangt. Dann gibt es Bonuspunkte.

Das Seminar ist völlig neu konzipiert und wird nicht schon seit zehn Jahren mit denselben Inhalten gegeben? Dafür gibt es einen Teaching Point zusätzlich. Die Vorbereitung eines Seminars war besonders aufwendig und anspruchsvoll? Einen weiteren Teaching Point verdient. Der Dozent organisiert eine fachliche Exkursion für seine Studenten? Noch einen Teaching Point verdient. Wenn der Dozent solche zusätzlichen Leistungen erbringt, die zuvor genau in einem Kriterienkatalog festgeschrieben werden, beantragt er bei einer Kommission, dass ihm diese Zusatzpunkte gutgeschrieben werden. Stimmt die Kommission den Anträgen zu, füllt sich das Punktekonto des Dozenten. Bis zu zwölf Teaching Points kann er so in einem Semester verdienen. Und muss im folgenden Semester weniger lehren.

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Für jeweils drei Teaching Points auf seinem Konto darf der Dozent im folgenden Semester pro Woche eine Stunde weniger Lehre anbieten. Wer die Höchstpunktzahl 12 erreicht, hat dann vier Stunden Lehre eingespart. Was aber passiert, wenn jemand nicht an dem System teilnehmen will, weil er keine Lust hat, Anträge auszufüllen, oder er weil dem Konzept nicht traut? Winkel: "Die Teilnahme am Teaching-Points-System ist freiwillig, das ist ganz wichtig. Wenn ein Dozent nicht mitmachen will, hat er dadurch keinen Nachteil. Es soll zwar einen positiven Anreiz geben, sich mehr zu engagieren, aber keinen Bestrafungsmechanismus." Seit Winkel das Konzept vor knapp drei Jahren entwickelte, hat er es immer wieder optimiert, Vorschläge von Kollegen einbezogen. "Wir können in der Theorie kaum noch etwas an dem System verbessern. Das geht jetzt nur noch in einem langfristig angelegten Praxistest."