Roger Willemsen: Herr Vogel, ist "Altersmilde" eigentlich ein irreführender Ausdruck?

Hans-Jochen Vogel: Es gibt Menschen, deren Gesichtskreis sich im Alter verengt, die schärfer und intoleranter werden, aber insgesamt trägt die Erfahrung zu einer gewissen Unaufgeregtheit bei.

Willemsen: Ihre Empörung aber formulieren Sie heute entschiedener als ehemals. Warum?

Vogel: Das stimmt wohl. Aber es fällt vielleicht auch stärker auf, weil ich nicht jeden Monat eine andere Empörung präsentiere. Seit Jahren schon empöre ich mich über maßlose Manager-Vergütungen. Jetzt ist das ein allgemeines Thema geworden. Wie kann man eigene Vergütungen entgegennehmen, anderen aber Maßhalten empfehlen oder ihnen den Verlust des Arbeitsplatzes als selbstverständliches Faktum der wirtschaftlichen Realität vor Augen führen!

Willemsen: Sie empören sich zur Rettung des Moralischen in der Marktwirtschaft.

Vogel: Ein Unternehmen wird hier offenbar als Konstrukt zur Gewinnmaximierung betrachtet und nicht als sozialer Verband mit mitmenschlicher Verantwortung. Auch weil es Gegenbeispiele gibt, muss das Urteil umso härter gegen die sein, die Vertrauen zerstören. Außerdem frage ich mich, was tut ihr eigentlich mit diesem Geld? Stellt ihr es für gemeinnützige Zwecke zur Verfügung? Das ist ein Exzess, den man fast als Entartung bezeichnen kann.

Willemsen: Fühlen Sie sich mit dieser Position noch von der SPD gedeckt?

Vogel: Die ist ja meiner Meinung, wenn auch mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung. Im Grundgesetz heißt es ja auch, "Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen". Plakatieren sollte man das in bestimmten Etagen!

Willemsen: Es steht im Grundgesetz, verpflichtet aber zu nichts?

Vogel: Es ist gut, dass es da steht. Für verpflichtend kann man es nicht gut erklären, da noch kein Verfassungsgerichtsurteil aus diesem Satz eine konkrete Konsequenz gezogen hat.

Willemsen: Auch ein Grund für den Juristen Vogel, in die Politik zu gehen?

Vogel: Auch eine Folge der Überzeugung, dass man sich nicht nur um sich selbst zu kümmern hat, sondern auch um das Gemeinwesen.

Willemsen: Aber warum durch Parteipolitik?

Vogel: Ich war nach 1945 überzeugt, dass man sich nicht nur am materiellen Aufbau zu beteiligen habe, sondern auch an dem der Strukturen, deren eine Demokratie bedarf. Den entscheidenden Anstoß gab dann eine Veranstaltung auf dem Marktplatz in Rosenheim 1949, da sprach Kurt Schumacher. Ich bin mit dem Fahrrad hingefahren, und Schumacher hat mich dort tief beeindruckt. Nicht so sehr mit dem, was er sagte, sondern wie er da stand, der Arm im Krieg amputiert, der Unterschenkel abgenommen infolge von Krankheiten, die er im KZ erlitten hatte; insgesamt eine Glaubwürdigkeit, die starken Eindruck machte.

Willemsen: Können Sie sich vorstellen, dass ein junger Mensch zu einer Hans-Jochen-Vogel-Rede fährt und so zurückkehrt?