An Selbstbewusstsein mangelt es ihm nicht. "Freundlich gesinnte Kollegen nennen mich den Martin Luther der Zahnheilkunde", sagt Jerome Rotgans grinsend. Er ist Professor an der RWTH Aachen, und seit seinem Reformvorschlag ist es eher schwer, "freundlich gesinnte Kollegen" zu finden. Sein Selbstbewusstsein kann er im Moment dringend brauchen. Denn Rotgans propagiert eine Studienreform, die "allem zuwiderläuft, was in unserem Fachbereich Konsens ist", wie es Peter Engel, Präsident der Bundeszahnärztekammer, formuliert. "Fachfremd", "gefährlich für das Wohl der Patienten", "völlig abwegig" – das ist die Kritik, mit der Rotgans’ Reformvorschlag quittiert wird, wenn man sich unter seinen Kollegen umhört. Doch das ficht Rotgans nicht an. "Dass die Diskussion so emotional geführt wird, zeigt doch erst, wie wichtig es ist, diese anzustoßen."

Seine Idee klingt für Nichtmediziner denkbar einfach: Bachelor und Master sollen auch in der Zahnmedizin eingeführt werden. "Nicht weil es gerade Mode ist, sondern weil es Sinn macht", sagt Rotgans mit holländischem Akzent." Sein Ausgangspunkt: Die Studenten seien alt, wenn sie endlich den Abschluss machen. Sie haben dann drei Jahre Grund- und zwei Jahre Hauptstudium hinter sich, auch Vorklinik und Klinik genannt. Danach könnten sie sich mit einer Privatpraxis selbstständig machen, doch die meisten absolvieren erst eine zweijährige kassenärztliche Approbationszeit in der Praxis eines erfahrenen Kollegen. Macht sieben Jahre Ausbildung. Zu lang, meint Rotgans, und zu theoretisch: "Das meiste lernen sie in der Praxis."

Seine Lösung: die Semesterferien drastisch kürzen. Denn "in der vorlesungsfreien Zeit passiert doch nichts". Zwar bietet sein eigener Fachbereich auch in den Semesterferien Kurse an, in denen sogar Credits erworben werden können, zum Beispiel beim Üben am sogenannten Phantommodell. "Aber da kommt kaum einer", so Rotgans. "Die fahren lieber in die Karibik." Um das Studium zu straffen, soll das Curriculum statt in zwei Semestern in drei Trimestern organisiert werden. Nach drei Jahren, oder neun Trimestern, soll der Student als Bachelor "eingeschränkt approbationsfähig sein", also unter Einschränkungen als Zahnarzt arbeiten dürfen. Die anschließende zweijährige kassenärztliche Vorbereitungszeit will Rotgans stärker unter Kontrolle der Uni stellen: "Diese Zeit könnten wir durch E-Learning und ähnliche Maßnahmen zur Weiterbildung nutzen." Nach insgesamt fünf Jahren hätte der Student die Ausbildung dann abgeschlossen, wenn er nicht einen Master zur weiteren Spezialisierung oder eine Doktorarbeit anschließt. Nach der organisatorischen Neuordnung strebt Rotgans auch eine inhaltliche an: nur noch acht Stunden Anwesenheitspflicht etwa und mehr Eigenverantwortung der Studierenden.

Sein Konzept bringt Verbände und Berufsvertreter auf die Barrikaden: Wer das Zahnarztstudium derart straffen wolle, dem sei der "Bezug zu einer modernen Curriculumentwicklung vor dem Hintergrund der künftigen Herausforderungen für die Zahnmedizin abhandengekommen", schimpft etwa Peter Rammelsberg, Präsident der Vereinigung der Hochschullehrer für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (VHZMK). Ein Zahnarzt, der nur drei Jahre Bachelorstudiengang und zwei Jahre Praxisarbeit hinter sich habe, sei "völlig entqualifiziert", kritisiert auch Peter Engel. Es sei "verantwortungslos", solcherart ausgebildete Zahnärzte Patienten behandeln zu lassen. Der Bachelor als "berufsbefähigender Abschluss" sei prinzipiell in der Medizin nicht möglich.

Schon die Ausgangspunkte von Rotgans’ Konzept zweifeln seine Kritiker an: Nicht das lange Studium, sondern die lange Schulzeit sei schuld am hohen Alter der Absolventen. Einer der Knackpunkte der Kritik: "Größere Freiräume in der vorlesungsfreien Zeit" gebe es nicht, da "Berufspraktika, Prüfungen und praktische Ferienkurse die vorlesungsfreie Zeit wie in keinem anderen Fach verkürzen", so die VHZMK in einer offiziellen Stellungnahme. Daher bleibe bei einer Straffung der Studienzeit notgedrungen die Qualität auf der Strecke. In kürzerer Zeit könnten nicht dieselben Inhalte vermittelt werden. "Es ist lächerlich, zu denken, die Studenten brauchten die vorlesungsfreie Zeit", sagt dagegen Rotgans. "Im Gegenteil, die brauchen mehr Zeit, in der sie schneller kompetent werden."