Was Not tut, ist kein erneutes Vermessen der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik mit sattsam bekannten nationalstaatlichen Maßstäben. Vielmehr wäre die EU-Außenpolitik mit ihren Fehlern und Problemen, aber auch ihren Chancen und Leistungen in der Öffentlichkeit einmal anhand fairer Maßstäbe zu beurteilen. Was wäre denn, wenn dabei ganz andere Handlungsempfehlungen herauskämen? Was wäre, wenn eine Untersuchung feststellte, die EU könnte viele wichtige regionale und internationale Probleme dadurch lindern, dass sie den Ländern im Nahen Osten, in Nordafrika oder im Kaukasus verlässliche Beitrittsperspektiven anbietet?

Ich höre schon den Aufschrei: "Gott behüte, noch eine Türkei." – "Die EU ist am Ende ihrer Integrationskapazität." – "Das Boot ist voll." Das mag richtig sein. Aber genauso wahrscheinlich ist, dass die EU eines ihrer erfolgreichsten außenpolitischen Instrumente des 20. Jahrhunderts deshalb nicht auf die drängenden Probleme des 21. anwendet, weil sie noch den verrosteten Geräten aus dem Werkzeugkasten des 19. Jahrhunderts nachtrauert.

Außen- wie "Innenpolitik" der EU sind ähnlich verzerrten Wahrnehmungsmustern unterworfen. Wir fragen nicht: Wo könnte eine Europäische Verfassung der EU bei einem guten Management wechselseitiger Abhängigkeiten und Konflikte helfen? Wir sehen wieder nur Versagen, ja einen Verfall der EU, weil sie sich keine Verfassung gibt, die der eines Nationalstaats ebenbürtig ist.

Wir beklagen das Fehlen einer "echten sozialen Dimension": Stattdessen könnten wir uns doch anschauen, wie die EU harte Maßstäbe für nationalstaatliche Sozialpolitiken setzt oder wie ihre Strukturfonds in den achtziger und neunziger Jahren Irlands Wachstum mit rund vier Prozent des irischen BIPs unterstützten – also in etwa dem, was Bremen im innerdeutschen Finanzausgleich erhält.

Wollen wir das politische Potenzial der EU und ihre außenpolitischen Möglichkeiten ernsthaft entwickeln, sind zwei Schritte zwingend: Wir brauchen umfassende Analysen aller EU-Außenpolitikinstrumente, gerade der neuartigen. Diese Instrumente sind nicht mehr mit denen der Außenpolitik Chinas, der USA oder anderer Staaten zu vergleichen, sondern, wenn überhaupt, mit denen anderer regionaler internationaler Organisationen. Hätte etwa Frankreich von Spanien Anfang der achtziger Jahre nur einen Teil jener Änderungen des politischen und wirtschaftlichen Systems gefordert, die die EU fast widerstandslos durchgesetzt hat, dann wären wir… ja, wieder im Souveränitätsdenken des 19. Jahrhunderts gelandet. Das deutsch-polnische Auf und Ab in den vergangenen 20 Jahren zeigt auch, welche Chancen die ach so impotente EU bietet.

Und wir brauchten realistische Voraussagen für jedes einzelne dieser Instrumente. Solange wir von der EU immer nur erwarten, dass sie sich wie ein Nationalstaat verhält, können wir die EU-Außenpolitik nie richtig einsetzen und dosieren. Wir tragen selbst tagtäglich dazu bei, das Bild permanenter Krise zu schaffen.

Die EU hat es nicht nötig, eine Supermacht zu werden. Lassen wir die EU nur ihre eigenen Fähigkeiten entwickeln und sie dazu benutzen, ihre Nachbarn in die Integration einzubetten, so trägt das schon erheblich dazu bei, schwierigste regionale und globale Probleme einer Lösung deutlich näherzubringen.