Wird überhaupt jemand kommen? Bei dieser Kälte, dem Regen und diesem Matsch? Hierher, in den Wald hinter Wuppertal? Diese Frage macht den Streetworker Ibrahim Ismail ganz nervös. Wird dieser Nachmittag als Beweis dafür taugen, wie er in den vergangenen Jahren ein ganzes Wohnquartier veränderte? Wie er aus gewaltbereiten Jugendlichen verantwortungsvolle Menschen gemacht hat? Wie sie aufgehört haben, zu klauen, zu schlagen und mit Drogen zu dealen, und plötzlich begannen, für die Schule zu pauken und über die Zukunft nachzudenken? Sicher, er kann darüber reden, unaufhörlich, als könnten ihm in jedem Moment die Wörter ausgehen, aber beweisen, dass er recht hatte mit seinem Konzept, mit seinen "Neuen Wegen", wie er das Projekt für die sozialen Brennpunkte Vohwinkler Feld und Osterholz nannte, beweisen kann er es nur, wenn all die kommen, auf die der 29-Jährige so stolz ist wie ein Vater auf seine eigenen Kinder.

Sie kommen. Und es sind viele, mindestens dreißig. Junge Kurden, Libanesen, Inder, Marokkaner, Russen – alle zwischen 15 und 18 Jahren. Mit ihren Jogginghosen, Kapuzenpullovern und Stoffturnschuhen sehen sie aus, als wären sie auf ihrem Weg zum Gemüsehändler um die Ecke zufällig an diesem Wald vorbeigekommen. Der 16-jährige Alaa ist gerade in den See neben dem Treffpunkt gesprungen, einfach so, mit allem, was er am Leib trug. Nun zittert er grinsend vor sich hin. Der Streetworker schaut wenig beeindruckt: "Da hilft nur Bewegung, Alaa!"

Der Stadtteil kam zur Ruhe, Überfälle und Drogenhandel gingen zurück

Ibrahim Ismail, den alle nur "Ibi" nennen, ist diplomierter Sportwissenschaftler, Hobbyphilosoph, inzwischen Berufsschullehrer, bald schon Lehrbeauftragter an der Universität Bochum, und er ist neben alldem seit vielen Jahren Sozialarbeiter.

Mit fünf Jahren kam er als Flüchtlingskind aus dem Libanon nach Deutschland. Er kennt die einschlägigen Betreuungseinrichtungen und Jugendhäuser in Wuppertal aus der Zeit, als er selbst Orte suchte, an denen er in Ruhe Hausaufgaben machen oder einfach nur spielen konnte. Lange Zeit war er ein Teil des Systems, erst als Kind, dann als Betreuer. Aber sein Blick auf die Jugendarbeit in Wuppertal wie in anderen Städten auch ist kritischer geworden. Die jungen Leute kämen als aggressive Kunden in die Jugendhäuser, sagt Ibrahim Ismail, die nach Spaß und Ablenkung verlangten – und die Sozialarbeiter spielten ihre Animateure. Er selbst wehrt sich seit Langem gegen diese Rolle. Als er 2005, neben seinem Studium, noch einmal als Streetworker antrat, bat er seinen Arbeitgeber, die Diakonie Wuppertal, um "absolute Autonomie".

Ismail plante den Ausbruch aus dem "reaktiven Aktionismus", mit dem es der traditionellen Sozialarbeit in den vergangenen Jahren immer weniger gelungen war, schwierige, verhaltensauffällige Jugendliche zu erreichen. Er wollte die Bequemlichkeit bekämpfen, die jungen Migranten hinter ihren Kickertischen hervorholen und "Impfstoffe verteilen". Impfstoffe, die den Jugendlichen Mut machen und ihren Glauben an sich selbst stärken sollten.

Auch deshalb trifft er sich am liebsten mit ihnen im Wald, weil sie hier Leistung zeigen können, die ihnen leichtfällt. Er baut Tarnunterschlupfe mit ihnen, Baumhäuser, oder sie rennen zwei Stunden lang die Hügel hoch und runter. Wie glücklich es machen kann, beim Räuber-und-Gendarm-Spiel eine Fahne zu verteidigen, an der nicht mehr als ein verblichenes Frotteehandtuch hängt, haben die jungen Migranten von ihm gelernt. Er hat sie von ihren Playstations und Computern vertrieben.

Der 18-jährige Roman, Sohn einer russischen Spätaussiedlerfamilie, gehört zu jenen Jungen, die heute sagen, dass sie erst durch Ibrahim Ismail erfahren haben, dass das Leben Ziele braucht und Prinzipien. In diesen Tagen macht er sein Abitur, später will er Jura studieren.

Roman erinnert sich noch genau daran, wie er Ibi vor vier Jahren zum ersten Mal sah. Er kam in den Innenhof seines Wohnquartiers, pfiff ein paar Jugendliche zusammen, fragte, ob sie Lust auf einen Boxkampf hätten, und lockte sie mit einer beachtlichen Ausrüstung aus der Reserve. Mit Kreide zeichnete Ismail einen Boxring auf den Asphalt, legte die Regeln fest und eröffnete den Kampf. So geheimnisvoll, wie er gekommen war, verschwand er wieder – die Jungen wussten nicht mal seinen Namen.