Er verachtete alle Mächtigen, die keine Scham kennen

In jenen Jahren hofften wir noch, es stünde in einer geteilten, jeweils ein "K" zum Dogma erhebenden Welt, ein dritter Weg offen. Wir ahnten nicht, daß sich nach dem Ende der kommunistischen Zwangsherrschaft die vermeintlichen Sieger der Geschichte neuerlichen Zwängen in Gestalt der Pseudoideologie des Neoliberalismus unterwerfen würden, diesmal global und mit Folgen, die erst gegenwärtig den Kollaps eines asozialen Systems zeitigen. Doch wußte Heinrich Böll schon damals von dessen Brutalität, als er, um Willy Brandts Politik zu unterstützen, gegen seine Gewohnheit Partei ergriff und im Oktober 1972 während des SPD-Parteitages in Dortmund sprach: "Es gibt nicht nur eine Gewalt auf der Straße, Gewalt in Bomben, Pistolen, Knüppeln und Steinen, es gibt auch Gewalt und Gewalten, die auf der Bank liegen und an der Börse hoch gehandelt werden." In diesem Zitat sprach er seine Verachtung aller Macht und aller Mächtigen aus, die keine Scham kennen.

Draußen war Sommer. Wir verließen den kirchlichen Raum, in dem ein Priester freundlich über weißnichtmehrwas gesprochen hatte. Ich in meinem schwarzen geliehenen, dem schlotternden Anzug. Und nun geschah etwas, das Heinrich Böll gemäß war und gewiß allen, die als trauernde Freunde seinen letzten Weg begleiten wollten, unvergeßlich geblieben ist: vor dem Sarg, der im Schrittempo gefahren wurde, der Familie und dem langen Zug der Freunde spielten Zigeuner Melodien, die melancholisch verwehten und doch wie zum Tanzen waren.

Wahrscheinlich ist die Wegstrecke von der Kirche und Kapelle zum Friedhof Bornheim bei Köln eher kurz gewesen; mir aber will sie erinnert lang gedehnt vorkommen. Jedenfalls höre ich noch immer die Musik der Sinti. Ein Klang, der von Leid wußte und dennoch froh machte. Das ist sein Wunsch gewesen, ich will nicht sagen, sein letzter. Ein Hinweis des friedfertig streitbaren Mannes, der – vermute ich – gern leidend, mitleidend ein früher Christ gewesen wäre, doch zornig wurde, wenn ihm die späten Sachwalter des Glaubens als Priester in den Blick gerieten. So steht es im Brief an einen jungen Katholiken zu lesen, den Böll 1958, also zur Zeit des Wirtschaftswunders, den Hohepriestern ins Stammbuch geschrieben hat: "…Sie alle sind einsichtig und intelligent genug, um zu wissen, daß die Fast-Kongruenz von CDU und Kirche verhängnisvoll ist, weil sie den Tod der Theologie zur Folge haben kann; es ist doch einfach nur peinlich, nichts anders als peinlich, wenn man Stellungnahmen von Theologen zu politischen Fragen liest; das ist stramm auf Bonn gezielt und spürt hinter jedem Satz einen Eifer, der aufs Schulterklopfen wartet."

Dieses schlichte und doch genaue, weil aus Kenntnis des rheinisch-katholischen Miefs getroffene Urteil steht mir beispielhaft für viele jener Gegenreden, die Heinrich Böll während Jahrzehnten allein deshalb für notwendig hielt, weil es ihm "peinlich" war und wohl auch als gotteslästerlich galt, daß eine Partei den Namen Christus mißbrauchte, indem sie das C in ihrem Firmenschild plakatierte, sich ihre Mitglieder Christdemokraten nannten. Und ihn, den man schon damals "Moralist" schimpfte, den man mit heute üblich gewordener Wegwerfgeste unter dieser Kategorie immer noch abbuchen möchte, ihn, den Verletzlichen, den nichts und schon gar nicht der Nobelpreis für Literatur davor schützte, in den Produkten eines übermächtigen Pressekonzerns fortwährend diffamiert und bis in sein Sterbejahr hinein verletzt zu werden, ihn, den solidarischsten aller Schriftsteller, der sich bis zuletzt für weltweit verfolgte Schriftsteller, manchmal sogar bis zu deren Freilassung, eingesetzt hatte, trugen wir zu Grabe. Im Sommer 85. Um diese Zeit lag die von der Regierung Kohl angekündigte "geistig-moralische Wende" wie Mehltau auf dem Land.

Die Söhne, Lew Kopelew, Günter Wallraff und ich trugen den Sarg. Unter den vielen, die gekommen waren und ums Grab standen, mir bekannte Gesichter. Auch ließ sich sein Personal vermuten: etwa Leni Pfeiffer aus Gruppenbild mit Dame, eine Frau von 48 Jahren in Hauskleidung, leicht ergrautes, sehr dichtes, blondes Haar. Oder jener junge Mann namens Hans Schnier, der von sich selbst sagt: "Ich bin ein Clown, offizielle Berufsbezeichnung: Komiker, keiner Kirche steuerpflichtig…" Oder der Soldat Feinhals aus dem frühen Roman Wo warst Du, Adam?, den zum Schluß, als er die weiße Fahne am Haus seines Vaters sieht, noch die letzte, die siebte Granate trifft: "Er rollte im Tod auf die Schwelle des Hauses. Die Fahnenstange war zerbrochen und das weiße Tuch fiel über ihn."

Unwahrscheinlich, daß übers noch offene Grab Reden gehalten wurden, wenn aber doch, ist mir kein Wort davon geblieben. Vielleicht habe ich mich, bereits während wir den Sarg trugen, dann vorm offenen Grab, an unsere letzte Begegnung erinnert. Meine Frau und ich besuchten ihn im Krankenhaus. Er versuchte, den Anlaß seines temporären Aufenthaltes – das nicht heilenwollende Raucherbein – zu verharmlosen, und erzählte uns, wie es ihm immer wieder gelungen sei, mit restlich verbliebenem Charme von den Nachtschwestern Zigaretten zu schnorren. Erst gegen Ende unseres Besuchs gab er zu erkennen, was ihn mehr kränkte als seine Herzschwäche, das Raucherbein, die Zuckerkrankheit. Es sind die bösartigen Verletzungen in den Zeitungen des Springer-Konzerns gewesen, denen er seit Jahren ausgesetzt war. Der Unflat der Schlagzeilen. Der Vernichtungswille einer Horde von Berufszynikern, die sich Journalisten nannten. Was ihm widerfuhr, hatte auch ich ausreichend erfahren. Doch mich berührte kaum, was in der BILD- Zeitung oder der Welt am Sonntag an Lügen zu Papier gebracht wurde. Hatte ich doch einen Prozeß gewonnen, den ein Dutzend und mehr Springer-Journalisten wegen eines von mir gesprochenen Fernsehkommentars in der Sendung Panorama gegen mich geführt hatten. Welch ein Triumph! Nichts ist vergnüglicher, als gegen die sich allmächtig aufspielenden Hersteller der öffentlichen Meinung einen Prozeß zu gewinnen.

"Freies Geleit für Ulrike Meinhof" – ein frommer, vielleicht allzu naiver Wunsch

Heinrich Böll blieb dieser Triumph versagt. Er wehrte sich in Reden, Leserbriefen, Artikeln. So im Jahr ’72, als sich eine Rote-Armee-Fraktion anmaßte, in Selbstüberschätzung Krieg gegen den ihr verhaßten Staat zu führen. Er meinte, daß "freies Geleit für Ulrike Meinhoff" zu einem fairen Prozeß und dem Ende der um sich greifenden Hysterie führen könnte; ein frommer, vielleicht allzu naiver Wunsch.