In der Umgebung meines Büros gab es, solange ich mich erinnern kann, zwei kleine Läden, deren Inhaber oder Pächter Zeitungen, Zigaretten und Süßigkeiten verkauften. Manchmal rauche ich, immer noch, vor allem, wenn ich nachdenke, sensibel bin oder Probleme habe. Nachdenken führt zur Verstopfung der Arterien und verursacht Schlaganfälle. Probleme verursachen schlechte Haut. Dazwischen liegen längere Phasen, in denen ich tabakabstinent bin, in dieser Zeit lutsche ich, wie am Fließband, Pastillen der Marke Fisherman’s Friend.

Beide Läden wurden von Männern um die fünfzig geführt, die offenbar einen ähnlichen Migrationshintergrund hatten, vermutlich türkischen. Der eine Mann war immer nett und höflich, er grüßte, er lächelte, Fisherman’s kosteten einen Euro zehn. Der andere Typ war genau das Gegenteil, mürrisch, wortkarg, er meckerte herum, wenn ich das Geld nicht genau passend hatte. Die Pastillen kosteten eins vierzig. Leider lag der gute Laden etwas weiter von meinem Büro entfernt als der schlechte. Das machte drei bis vier Minuten Fußweg aus.

Jedes Mal, wenn ich im Büro Zigaretten oder Pastillen brauchte, musste ich überlegen: Wohin? Meistens hatte ich wenig Zeit. Es ist einfach so, dass ich meistens in Eile bin, ich weiß auch nicht, warum. In 80 Prozent der Fälle bin ich zu dem schlechten Laden gegangen, weil ich sechs oder acht Minuten sparen wollte und weil bei einer inneren, halb bewussten Abwägung der Vorteil des kürzeren Weges schwerer gewogen hat als der Nachteil des unfreundlicheren Betreibers und der höheren Preise.

Dann, vor ein paar Wochen, war der gute Laden leer geräumt und geschlossen. Ich machte mir Vorwürfe. Das ist so ein netter und tüchtiger Mann gewesen. Klar, bei einer Pleite spielen immer mehrere Faktoren mit, nein, natürlich war ich nicht wirklich schuld an dem Untergang des guten Ladens. Trotzdem! Mir wurde klar, dass ich soeben erlebt hatte, was der Begriff "Markt" bedeutet, alles ist ständig in Bewegung. Wenn man scheinbar nichts tut, zum Beispiel irgendwo nicht kauft, dann tut man in Wirklichkeit auch etwas. Gefühle sind Wettbewerbsvorteile und -nachteile wie andere auch. Gefühle sind mehr oder weniger viel Geld wert. Eher weniger. Meine Sympathie für den netten Ladenbesitzer wog auf dem Markt zum Beispiel weniger als vier Minuten Fußweg, für eine Minute hätte es wahrscheinlich gereicht.

Mir fielen all die, zum Teil von mir selber verfassten, Feuilletonnachrufe auf die untergehenden und gefährdeten deutschen Traditionsmarken ein, Opel, Schiesser, Rosenthal. Habe ich mir je einen Opel gekauft? Habe ich etwa Schiesser-Unterwäsche getragen? Da darf man nicht meckern. Es ist ungefähr so, als ob ein Autor SPD wählt, und nach der Wahl verfasst er einen langen Klagegesang darüber, dass die CDU nicht genügend Stimmen bekommen hat, das sei schlecht für Deutschland.

Kapitalismus heißt, es gibt keinen Stillstand, Antikapitalismus heißt, man will die Zeit anhalten, was ich eigentlich gut finde, aber warum kann ich dann weder dem Sozialismus noch dem Faschismus, noch dem Islamismus etwas abgewinnen? Dann ging ich, weil mich das Nachdenken sensibel gemacht hatte, zu dem Laden, der noch übrig ist. Ich wollte Zigaretten kaufen. Der Laden kam mir heruntergekommener vor denn je. Auch der Besitzer war noch unfreundlicher geworden. Er erwiderte meinen Gruß nicht, stattdessen kratzte er sich lange am Arm. Ich hatte nur einen Zwanzig-Euro-Schein. Er zuckte mit den Achseln, kein Wechselgeld. Das war ihm völlig egal. Er hat jetzt das Monopol.

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