Die Augen des Malers sind allgegenwärtig in Antibes. Von Werbeplakaten blicken sie am Jachthafen und in der Altstadt, lugen zwischen Lavendelsäckchen aus den Schaufenstern der Souvenirläden hervor. Oberhalb der schattigen Gassen, von einer gigantischen Leinwand an der Schlossmauer des Picasso-Museums herab, nimmt der Meister die nahenden Kunsttouristen ins Visier. Distanziert, fast abweisend taxiert er die Menge, die sich aber nicht so leicht abschrecken lässt. Die Ausstellung Picasso 1945–1949 lockte allein im April mehr als 12000 Besucher an. Wie ein Star wird Pablo Picasso noch immer verehrt, 36 Jahre nach seinem Tod.

Seit 1912 zog es ihn viele Male nach Südfrankreich, bis ihm die Gegend zur zweiten Heimat wurde, zu seinem Altersglück. Mehrere Wohnsitze kaufte er in der Umgebung der Mittelmeerküste: Herrenhäuser rund um Cannes und im Hinterland von Aix-en-Provence das Schloss von Vauvenargues, das im Sommer erstmals zur Besichtigung freigegeben wird. Diesen Anlass nutzen die Touristiker der Region. Sie haben eine "Route Picasso" abgesteckt, die zum Städte-Hopping von Avignon bis Antibes anregen soll. Man könnte ihr natürlich brav folgen und käme so von einer Ausstellung zur nächsten. Wer sich aber in Picassos letzte Schaffens- und Lebensphasen einfühlen will, fährt zwischen ausgewählten Stationen lieber ein wenig im Zickzack.

Leicht nahm der Maler das Leben in Antibes. Leicht scheint es dort immer noch zu sein. Auf der Terrasse des Picasso-Museums und ehemaligen Grimaldi-Schlosses duftet ein Frangipanibaum. An der Brüstung umarmt sich ein junges Paar in Picasso-T-Shirts. Kinderhände patschen auf der Meeresgöttin herum. Saumselig schaut die Keramikskulptur mit dem Katzengesicht über den glitzernden Wasserteppich bis zum Horizont, wo Korsikas Umrisse im Dunst verschwimmen. Drinnen, im gedämpften Licht der Ausstellung, flöten Faune, baden Nymphen, wiegen sich Grazien in Blütengestalt – auf Picassos Pastellen und Bleistiftzeichnungen.

Die Schau spiegelt seine euphorischste Schaffensperiode. Schwer verliebt in die 40 Jahre jüngere Françoise Gilot, heilfroh, dem Pariser Kriegselend entronnen zu sein – so landete der Maler 1946 in Antibes. Er bezog das renovierungsbedürftige Schloss, dessen nackte Wände ihm die Stadt zur Gestaltung überließ. Weil Leinwand und Farbe Mangelware waren, besorgte Picasso Sperrholzplatten und Bootslack bei der Werft – und eine Matratze, um nach der Arbeit in dem feuchten Gemäuer auszuruhen. Die Werke schenkte er seinen Gastgebern, und die revanchierten sich 1966 mit der Einrichtung des ersten Picasso-Museums.

"Großzügigkeit war das Markenzeichen des Maître", sagt der Keramikkünstler Dominique Sassi, mit seinen 73 Jahren einer der Letzten, die den Spanier noch persönlich kannten. Auf dem Marktplatz seines Heimatortes Vallauris, einer weiteren Station der Route Picasso, hat er sich neben dem Mann mit dem Lamm eingefunden. Es ist jene Bronze, mit der sich Picasso bei den Töpfern der Stadt für ihren freundlichen Empfang bedankte. Gerade hilft Sassi dem Gemüsehändler, seinen windschiefen Stand an der Skulptur festzubinden. "Das hätte dem Maître gefallen", sagt er. "Er wollte auch, dass die Kinder dieses Werk als Klettergerüst benutzen."

Auf einem seiner Ausflüge hatte der damals 65-jährige Picasso den Töpferort 1946 kennengelernt und das "göttliche Metier", wie er es nannte, für sich entdeckt – den Umgang mit den vier Elementen Wasser, Erde, Luft und Feuer. 20 Jahre hielt die Begeisterung an und brachte 4000 Objekte hervor. "Sein Hunger auf Arbeit war grenzenlos", sagt Sassi. Er führte Picasso damals in die Geheimnisse der Tonbemalung ein: "Er begriff unheimlich schnell und blieb trotz seiner Genialität immer einer von uns."

Vallauris verdankt dem Picasso-Effekt einen unerhörten Aufschwung. Keramikkünstler aus aller Welt ließen sich nieder, später auch einfache Töpfer, die Massenware an Urlauber verkauften. Seit den achtziger Jahren ist es ruhiger geworden, Souvenirs aus Ton sind nicht mehr gefragt. Für Vallauris ist das von Vorteil: weniger Ramsch, mehr Qualität. Wer in den vornehmen Galerien die metallisch lasierten Tonskulpturen und irdenen Schalen im Format römischer Brunnenbecken sieht, wünscht nichts mehr, als so ein wundervolles Einzelstück zu erwerben. Auf dem Marktplatz fühlt er schon mal vor und legt dem Mann mit dem Lamm besitzergreifend die Hand aufs Bein.