Spart Dimmen eigentlich Strom?" Diese Frage stellt Hans Georg Bröggelhoff gern, wenn Freunde oder Bekannte zu Besuch sind. Er kann sie nicht nur beantworten, sondern als Beleg auch eine Messung bieten. Der Oldenburger gehört zu den bundesweit ersten paar Hundert Versuchshaushalten, bei denen die klassischen Zähler für Gas und Strom durch ein sogenanntes Smart-Meter ersetzt wurden. Das erfasst, speichert und überträgt alle Daten elektronisch.

Daneben gibt es auch dieses kleine tragbare Display, auf dem sich Bröggelhoff gerade die aktuellen Verbrauchswerte seines Hauses anzeigen lässt. Knipst er die Wohnzimmerbeleuchtung an, springt die Stromanzeige von 550 auf 730 Watt. Kein Wunder, schließlich erstrahlen drei 60-Watt-Birnen. "Jetzt zeige ich Ihnen die Antwort auf meine Frage", sagt der technikbegeisterte Bauingenieur und dreht am Dimmerknopf, bis das Licht erloschen ist. Tatsächlich sinkt die Verbrauchskurve langsam auf 550 Watt zurück.

Das kleine Display kann noch mehr. Auf Knopfdruck zeigt es wahlweise den Strom- oder den Gasverbrauch an – und zwar für jeden beliebigen Zeitraum. "Hier sehen wir zum Beispiel unseren Stromverbrauch am letzten Dienstag", erklärt Bröggelhoff, "die hinterlegte Kurve zeigt den Durchschnitt aller Dienstage, größere Abweichungen fallen mir sofort auf." Mal stellen die bunten Kurven und Balkendiagramme den Verbrauch in Kilowattstunden, mal in Euro und Cent dar. Auf Wunsch wird beides auch für die Zukunft hochgerechnet. So kann die Jahresabrechnung keine böse Überraschung mehr bringen.

"Der Kunde wird sein eigener Energiemanager", sagt Ludwig Kohnen, Projektleiter für die Einführung von Smart-Metern bei der Oldenburger EWE, Deutschlands fünftgrößtem Stromversorger. Studien haben gezeigt, dass Privathaushalte zwischen fünf und zehn Prozent ihres Verbrauchs einsparen können, wenn Energieverschwender mit dem Smart-Meter aufgespürt werden. Bei Bröggelhoff war es der alte Kühlschrank. "Der hat wesentlich mehr verbraucht als vom Hersteller angegeben." Der zweite ertappte Übeltäter war die Umwälzpumpe, die rund um die Uhr für die Zentralheizung in Betrieb war. Sie bekommt jetzt eine Zeitschaltuhr und läuft dann nur noch, wenn sie gebraucht wird.

Große und kleine Energieunternehmen, von RWE über Yellow bis zur Mannheimer MVV Energie, führen derzeit Smart-Meter-Pilotprojekte durch. Wer keine Möglichkeit zur Teilnahme hat – und das sind weit über 90 Prozent der Bevölkerung –, kann sich die Daten über seinen Stromverbrauch auch auf eigene Faust beschaffen. Im Elektronikhandel gibt es für rund 100 Euro Energiemonitore. Das sind kleine Geräte, die zwischen Stecker und Dose gestöpselt werden und den Verbrauch alle zwei Minuten per Funk an eine Empfangsstation übermitteln. Die wird an den Heimcomputer angeschlossen.

Da jeweils der Verbrauch eines einzelnen Geräts – oder einer Steckdosenleiste mit allen angeschlossenen Gerätschaften – gemessen wird, ist die Information auf dem PC-Bildschirm noch detaillierter als beim Smart-Meter, das ja nur den Gesamtverbrauch des Haushalts darstellen kann. Dafür lassen sich Herd und Heizungsanlage mit dem Energiemonitor nicht erfassen, denn sie sind in der Regel ohne Steckverbindung direkt mit dem Stromnetz verbunden. Leider ist die Bedienung solcher Geräte eher ein Fall für den Technikfreak.

 

Am Oldenburger Offis-Institut für Informatik wird derzeit eine Software entwickelt, die die Vorteile beider Systeme kombinieren soll. Man nutzt den Effekt, dass jedes Elektrogerät im Netz ein typisches elektromagnetisches Profil erzeugt. Mit mathematischen Methoden können dann aus den Messwerten des smarten Hausstromzählers die Einzeldaten eines Geräts herausgerechnet werden.

In Schweden sind bereits alle Haushalte mit einem intelligenten Zähler ausgerüstet. In Italien soll es 2011, in den Niederlanden 2014 so weit sein. In Deutschland fehlen noch einheitliche Standards für die Geräte und die Übergabe der Daten. Die Zuständigkeit von über 800 regionalen und lokalen Stromversorgern hat die Einigung bisher nicht gerade erleichtert. Immerhin dürfen von Januar 2010 an in Neubauten und grundrenovierten Wohnungen ausschließlich Smart-Meter eingebaut werden. Bis 2020 sollen sie nach einer Zielvorgabe der Bundesregierung in 80 Prozent aller Haushalte zu finden sein. Eine weite Verbreitung der Smart-Meter ist eine wichtige Voraussetzung für ein "intelligentes Stromnetz". Das soll helfen, die schwankende Nachfrage und das unkalkulierbare Angebot erneuerbarer Energie aus Windparks und Solaranlagen viel besser als bisher in Deckung zu bringen.

Ein erster Schritt auf diesem Weg ist die Einführung zeitlich gestaffelter Tarife. Die Oldenburger Testhaushalte zahlen zum Beispiel nachts und am Wochenende statt 22 nur 17 Cent für die Kilowattstunde. "Wir haben uns angewöhnt, Geschirrspüler, Waschmaschine und Trockner nur noch abends anzustellen", sagt Hans Georg Bröggelhoff. Andere Testhaushalte bekommen einen Bonus, wenn sie weniger als im Vorjahr oder zu keinem Zeitpunkt mehr als eine zuvor festgelegte Spitzenlast benötigen. "Im nächsten Jahr wollen wir mit ähnlichen Angeboten auf den freien Markt gehen", sagt EWE-Projektleiter Kohnen. Am liebsten würden die Netzbetreiber ihre Preise sogar im Sekundentakt aktualisieren. Langfristig dürfte sich rund um den Energieverbrauch ein Geflecht von Tarifen entwickeln, wie wir sie heute schon beim Mobilfunk kennen.

Allerdings hat längst nicht jeder Energieverbraucher Lust, sich mit den Details von Konsum und Abrechnung zu beschäftigen. Schließlich liegt das Sparpotenzial in den meisten Haushalten unter 100 Euro im Jahr. Deshalb wollen sich die Energieversorger im nächsten Schritt die Erlaubnis dafür erteilen lassen, selbstständig einzelne Geräte im Haushalt an- und auch wieder abzuschalten. Rund ein Drittel des privaten Strombedarfs entfällt nämlich auf Elektrogeräte, bei denen es egal ist, zu welchem Zeitpunkt genau sie laufen. Kühlschränke, Gefriertruhen, Klimaanlagen oder elektrische Warmwasserbereiter können, ohne dass es auffällt, als Puffer im Stromnetz genutzt werden. Über den sogenannten Rückkanal des Smart-Meters könnten sie in Zukunft ferngesteuert werden.

Die Bereitschaft der Kunden sei dafür vorhanden, meint Kohnen. Hans Georg Bröggelhoff sagt: "Ich hätte nichts dagegen, wenn meine Kühltruhe nachts auf 30 Grad minus heruntergekühlt und dafür tagsüber abgeschaltet wird." Allerdings muss sichergestellt sein, dass sie rechtzeitig wieder anspringt, bevor das Gefriergut aufzutauen beginnt. Außerdem darf der Herd sich natürlich nicht abschalten, während der Braten gart.

Vor allem aber muss verhindert werden, dass die Flut an Daten, die ein detailliert steuerndes intelligentes Stromnetz in die Rechner der Anbieter spülen würde, Unbefugten in die Hände fällt. Immerhin besteht beim modernen Menschen ein großer Teil seines Lebens aus dem Bedienen elektrischer Apparate. Aus den Energieverbrauchsdaten des Bürgers kann man recht originalgetreu dessen Leben rekonstruieren. Der Bundestag hat daher schon vor einem Jahr vor dem drohenden Eingriff in die Privatsphäre gewarnt. Und der Träger des BigBrother Award 2008 hieß nicht von ungefähr Yellow Strom AG – deren "Sparzähler online" gab keinen Hinweis auf Datenschutzfragen.