Mein großer Traum ist es, die ganze Welt zu bereisen. Ich will alle Länder sehen, und an der Verwirklichung dieses Traumes arbeite ich sehr konkret. Dabei geht es mir nicht darum, schnell einen Fuß über die Grenze zu setzen und möglichst viele Stempel in meinem Pass zu sammeln. Ich will wirklich sehen und verstehen. Wie funktioniert dieses Land, wie seine Kultur? Mit dieser Frage mache ich mich auf die Reise. Im Moment bin ich bei hundert Ländern, ich habe also knapp die Hälfte hinter mir. Die Erde besteht aus ungefähr 206 Ländern, je nach Zählweise. Ich weiß, was ich noch vor mir habe. Wenn ich ein Meer sehe oder Berge oder einen Wald, frage ich mich immer, was sich auf der anderen Seite befindet.

Das Schöne an meinem Traum ist, dass er erfüllbar ist. Die Erde ist zwar riesig, aber man kann es schaffen. Am schwierigsten war es für mich, nach Bhutan zu kommen. Es musste wirklich alles stimmen, damit das klappt. Denn dort werden nur sehr wenige Besucher ins Land gelassen, höchstens ein paar Tausend pro Jahr. Woran ich schon seit einer Weile arbeite, ist Nordkorea. Natürlich ist mir bewusst, dass dort ein menschenverachtendes Regime herrscht, aber ich will eben alles sehen. Wenn das jemand lesen sollte, der zufällig einen Helfer braucht für eine zweiwöchige Nordkorea-Reise: Ich bin sofort dabei, auch als schweigendes Mitglied einer Delegation.

Ich habe nur vor einer Sache Angst auf meinen Reisen: dass ich grundlos eingesperrt werde. Von einem Soldaten, Polizisten, irgendjemandem, der dazu die Macht hat. Eigentlich bin ich ein sehr vorsichtiger Reisender. Ich passe auf, dass ich niemanden überfahre, und habe auch keine Drogen dabei. Aber es könnte ja sein, dass sich jemand denkt: "Der hat einen schönen Wagen, aus dem muss doch Geld rauszuholen sein."

Den Tag, an dem ich alle Länder bereist habe, fürchte ich nicht. Ich bin mir sicher: Wenn mein Traum erfüllt ist, wird keine große Leere in mir herrschen. Denn Länder sind zum Glück nicht statisch, sie entwickeln sich ständig weiter. Zwischen meinem ersten und meinem zweiten Indien-Aufenthalt lagen 17 Jahre, und in dieser Zeit ist es ein völlig anderes Land geworden. Kulturen ändern sich relativ schnell. Es gibt Länder, die habe ich noch gesehen, bevor es Handys und Internet gab. Gerade in Afrika kann man beobachten, wie die Menschen mit großen Schritten ins Informationszeitalter eintreten. Die Leute auf dem Dorf haben plötzlich Zugang zur Welt.

Und so wirft jedes Land neue Fragen auf, die man beim nächsten Mal beantworten kann. Wenn ich alle Länder gesehen habe, werde ich die Highlights so lange wiederholen, bis ich den Löffel abgebe.

Aufgezeichnet von Ingo Neumayer

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