In den Museen des 21. Jahrhunderts sind inzwischen fast überall die Schnüre und Galerieleisten verschwunden, an denen früher einmal die Bilder vertraut zusammen und manchmal auch übereinander hingen. Heute werden sie stattdessen als auratische Einzelwerke behandelt und individuell an den Wänden befestigt – angeblich aus Sicherheitsgründen. Damit korrespondiert dann auch noch der "Audioguide": Jeder Besucher unter seinem Kopfhörer allein mit sich und der Kunst!

Im ZEIT-Museumsführer stellen wir Ihnen jede Woche eines der schönsten Museen Deutschlands vor. Um alle bisher veröffentlichten Museumsführer der ZEIT aufzurufen, klicken Sie bitte auf das Bild © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Wer die grausame Vereinzelung der Bilder bedauert, wem der Audioguide zuwider ist und wer sich manchmal sogar die berüchtigte Galeriehängung alten Stils zurückwünscht (die Unsitte, jede Wand dicht an dicht und bis unter die Decke mit möglichst vielen Bildern zu bestücken), dem kann geholfen werden. Denn es gibt Orte, an denen die gute Nachbarschaft des Bildes (wie Aby Warburgs "gute Nachbarschaft des Buches") noch existiert und wo Bilder noch als Kollektivwesen behandelt werden. Einer dieser magischen Orte findet sich in der Springerstraße 5 in Leipzig, einst Wohnhaus und Atelier des 2004 verstorbenen Malers und Grafikers Werner Tübke mit einer Sammlung von 18 Gemälden, 83 Zeichnungen und Aquarellen sowie der gesamten Druckgrafik des Künstlers. Geöffnet ist die Sammlung natürlich nur am Samstag, weil an anderen Tagen jeder normale Mensch arbeiten muss.

Hier hängen nun einträchtig und bunt zusammengewürfelt, über- und untereinander kindliche Kunstübungen, Familienporträts, Urlaubseindrücke oder Bildentwürfe zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung. Aber auch Anhänger einer Kunst, die sich eher mit sich selbst als mit den Irrungen und Wirrungen der sie umgebenden Welt befasst, kommen auf ihre Kosten. In hohem Maße auf das Künstler-Ich und zugleich auf die Tradition bezogen, sind die bildlichen Selbstinszenierungen des Künstlers, darunter auch das Selbstbildnis auf bulgarischer Ikone aus dem Jahre 1977. Unter den autonomen Selbstporträts der neuzeitlichen Kunstgeschichte gehört es sicher zu den ungewöhnlichsten Beispielen seiner Gattung.

Die Entstehungsgeschichte dieses Selbstporträts ist nicht weniger kurios. Nachdem Tübke im Jahr 1977 in Sofia den Hauptpreis für Malerei der zweiten Triennale der Kunst sozialistischer Länder entgegengenommen hatte, wurde ihm zwingend empfohlen, das Preisgeld doch bitte sehr schnell und unbedingt in Bulgarien auszugeben. Zur Debatte standen größere Mengen bulgarischen Weines und Kunstwerke. Der Künstler entschied sich gegen den Wein und nutzte das Preisgeld für den Erwerb einer Ikone. Zurück in Leipzig, übermalte Tübke den Christus Pantokrator der Ikone mit seinem eigenen Porträt. Um Verwechslungen jeder Art vorzubeugen, signierte er das Werk am unteren Bildrand mit der Beischrift "Kopf von Tübke 1977".

Das nun teilweise übermalte Gemälde zeigt das stark verjüngte Antlitz Tübkes mit einem zeitgenössischen schwarzen Hut vor dem originalen Goldgrund der Ikone. Im Urzustand belassen sind die zum Segen erhobene rechte sowie die linke Hand Christi, die üblichen Zeilen aus dem Johannesevangelium (Joh 8.12), zwei Medaillons mit Engeln, das rote griechische Kreuz im Hintergrund und sechs Assistenzfiguren auf dem Bildrand. Noch erkennbar ist auch die griechische Aufschrift, die den Dargestellten als "Pantokrator" (Weltenherrscher) bezeichnet.

Das Bild entspricht bis ins kleinste Detail einer Christus-Pantokrator-Ikone aus dem 13. oder 14. Jahrhundert der Kirche Sankt Stefan in Nessebar in Bulgarien. Allerdings ist die von Tübke erworbene und übermalte Variante wesentlich kleiner als das Original, das im Jahr 1976 in Ost-Berlin ausgestellt worden war. Tübke dürfte bald erkannt haben, dass es sich bei "seiner" Ikone nicht um ein mittelalterliches Original, sondern um eine spätere Replik handelte, die sich im Übrigen alle Mühe gibt, sehr sehr alt auszusehen.