Das ist eine jener Geschichten, nach denen wir uns dieser Tage so sehnen. Aus der Krise entstanden und doch irgendwie freudig. Sie spielt unter einer Glaskuppel hoch über Berlin, nein, nicht im Reichstag, sondern im Stadtteil Kreuzberg. Ausgerechnet dort, wo die Unruhestifter vor drei Wochen schon mal den Aufstand probten. Dort, wo am 1. Mai die Demonstrationen so gewalttätig waren wie lange nicht mehr.

Einen Steinwurf vom Schlachtfeld entfernt, sitzt die Schauspielerin Franka Potente inmitten von Paillettenkleidern und Schminkdosen. Dass sie jetzt hier ist, hat sie der Finanzkrise zu verdanken. Denn die hat Leuten wie ihr etwas Wertvolles beschert: Zeit. Filmprojekte werden aufgeschoben, weil die Finanzierung unsicher geworden ist, Dreharbeiten werden abgesagt, und plötzlich fand sich Franka Potente, die mit dem Film Lola rennt vor zehn Jahren berühmt wurde, in einer "Luftblase" wieder, wie sie sagt. So entschied sie sich, bei diesem Low-Budget-Film mitzumachen, in dem nur sie eine Rolle spielt und niemand sonst – der Traum eines jeden Schauspielers. Das Kammerspiel handelt von Valerie, sie nimmt ein Videoband auf für ihren Geliebten, der im Koma liegt, Es soll ihm in der Klinik täglich vorgespielt werden, weil Valerie hofft, dass ihre Liebe sein Leben retten kann. Kleine Lichter heißt der Film. Das Drehbuch, ein Textjuwel, hat Roger Willemsen verfasst.

Die Wohnung mit der Kuppel kennt man in Kreuzberg. Viele im Viertel haben sich schon mal gefragt, wer hier das Geld hat, um sich eine gläserne Krone aufs Dach zu setzen. Ein Affront für jeden Steinewerfer. Aber eines sei den Neidern gesagt: Im Sommer ist die Kuppel ungemütlich stickig. Und der ehemalige Bankvorstand, dem sie angeblich gehört, ist mittlerweile wohl auch sparsamer geworden. Jedenfalls ist die Vermutung erlaubt, weil er seine stilvoll möblierte Wohnung für zwei Wochen an eine Horde Filmleute vermietet.

Kleine Lichter ist der Beweis dafür, dass die Krise auch ihre guten Seiten hat, dass Geldknappheit nicht zwangsläufig die Kreativität lähmt, sondern mutig macht. Der Produzent Hubertus Meyer-Burckhardt hat die Gunst der Stunde genutzt, um ein Liebhaberprojekt zu verwirklichen, in dem 90 Minuten lang fast nur eine Person zu sehen ist – kein Film, den Fernsehredakteure und Förderanstalten spontan als Zuschauermagnet bezeichnen würden. Als der Dreh begann, stand die Finanzierung nicht, und es war noch kein Verleih gefunden, der den Film ins Kino bringen würde. Er hat ihn trotzdem gewagt.

Die Produktion mit Franka Potente ist der letzte Teil einer Trilogie von Monologfilmen, die Meyer-Burckhardt 2002 mit Mein letzter Film begann. Hannelore Elsner nimmt darin ihre Lebensbeichte auf Video auf und rechnet mit ihren Männern ab. Eine außergewöhnliche Darstellung, für die Elsner den Deutschen Filmpreis bekam. 2005 produzierte Meyer-Burckhardt dann Ein ganz gewöhnlicher Jude (mit Ben Becker). Und nun spielt Franka Potente unter der Regie von Josef Rusnak die Valerie.