Ich kann dir versichern, Wien ist keine amüsante Stadt«, klagte Napoleon seiner Gemahlin Joséphine am 26. August 1809: »Wie gerne wäre ich bereits in Paris!« Schon seit über drei Monaten residierte der französische Kaiser in Schloss Schönbrunn, als er diese Zeilen schrieb. Wien war vorübergehend Hauptstadt der Grande Nation.

Fast ein halbes Jahr lang, von Mai bis Oktober, hielten die Truppen Bonapartes vor 200 Jahren die europäische Metropole Wien besetzt -– eine Periode der Stadtgeschichte, die heute nahezu in Vergessenheit geraten ist. Der seit dreißig Jahren in Wien lebende französische Historiker Robert Ouvrard schildert nun in einem überraschenden Kompendium (1809 – Les Français à Vienne) die Monate der Okkupation. Ouvrard, ein ehemaliger Mitarbeiter der Atomenergiebehörde IAEA, hat dazu Hunderte Beobachtungen, Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungen französischer und österreichischer Zeitzeugen gesammelt und kommentiert nur spärlich, was er in den Archiven gefunden hat.

Die Habsburger hatten 1809 eine scheinbare Schwäche Napoleons genutzt, der seine Truppen gerade in einem kostspieligen Guerillakrieg in Spanien verzettelte. Doch die österreichische Offensive wurde zurückgeschlagen, und die Franzosen drangen bis vor die Tore der Residenzstadt der Habsburger vor. Fünf Tage lieferten sich beide Seiten erbitterte Gefechte, bevor Erzherzog Karl, der österreichische Generalissimus, nach hohen Verlusten aufgab. Wien war Napoleon ausgeliefert. Vier Jahre zuvor, nach einer Blitzkampagne im dritten Koalitionskrieg, hatte der soeben zum Kaiser gekrönte Feldherr die Stadt schon einmal okkupiert. Damals waren die Besetzer von der Wiener Bevölkerung keineswegs feindselig begrüßt worden. Auch 1805 hatte Bonaparte in Schönbrunn Quartier bezogen, verließ die Stadt jedoch bereits nach wenigen Tagen, um zu dem Schlachtfeld von Austerlitz aufzubrechen, wo er die Armeen Österreichs und Russlands vernichtete.

»Bonaparte war zutiefst traurig, er kehrte den Flammen den Rücken zu«

Ganz anders die Besetzung des Jahres 1809: Österreich erwägt zunächst, 125 Jahre nachdem die belagerte Stadt den Türken getrotzt hatte, Wien neuerlich zu verteidigen. Kaiser Franz I. verlässt seine Hauptstadt, große Teile der Bevölkerung stehen der regulären Armee in sogenannten Landwehren zur Seite. Bewaffnet sind sie mit Gewehren und Pistolen aus dem Arsenal, »sogar Museumsstücke wurden aus den Vitrinen gerissen«, berichtet ein Chronist, »Morgensterne, Flammenschwerter, Hellebarden, Schlagstöcke«. Die Innenstadt war damals noch von der breiten Stadtmauer umgeben, die Landwehr arbeitete am Ausbau der Befestigung. Es kommt zu ersten Scharmützeln in der Stadt, und eine Kanonenkugel landet im Hof von Joseph Haydns Wohnhaus in Gumpendorf. »Keine Angst!«, beruhigt der Greis seinen langjährigen Diener und Kopisten Johann Elßler: »Wo Haydn ist, kann nichts passieren!« Drei Wochen später ist er tot.

Außerhalb der Stadtmauern, in den Vororten Mariahilf, Matzleinsdorf und Gumpendorf, marschieren die feindlichen Truppen am 9. Mai ein, ohne auf Widerstand zu stoßen. Immer noch signalisiert die österreichische Führung ihre Bereitschaft zum Widerstand – doch bereits zwei Tage später geht die napoleonische Artillerie in Stellung. Ab neun Uhr abends wird die Innenstadt mit heftigem Beschuss belegt. Ein Augenzeuge, Emilian Fanitsch, berichtet: »Plötzlich kamen die Haubitzen ins Spiel, setzten ihre Feuerkraft mit kaum vorstellbarer Schnelligkeit und Intensität ein. In weniger als drei Stunden regneten über 1800 Granaten auf die Stadt herab.« Die Bewohner suchen Schutz in den Kellern, Ludwig van Beethoven verbringt die Nacht, »den Kopf mit Kissen bedeckt, um die Kanonen ja nicht zu hören«, im Keller seines Quartiers in der Rauhensteingasse. Ein Bulletin der Grande Armée vermerkt: »Man muss Wien gesehen haben, mit seinen acht- und neunstöckigen Häusern, seinen verwinkelten Gassen, der großen Bevölkerung auf engstem Raum, um sich ein Bild von dem Chaos zu machen, das wir verursacht haben.«

Der Himmel über Wien soll sich in der Nacht vom 11. zum 12. Mai lila verfärbt haben. Überall brachen Brände aus, vor allem die Dächer der höchsten Gebäude fingen Feuer. Da die Dachböden nicht ausgeräumt worden waren, boten sie den Flammen reiche Nahrung. Große Schäden verursachte das Bombardement am Graben, der Trattnerhof brannte. Man fürchtete um den Stephansdom. Jules-Antoine Paulin, ein Getreuer Napoleons, erinnert sich: »Bonaparte war zutiefst traurig, er kehrte den Flammen den Rücken zu und zog sich langsam zurück, ohne ein einziges Wort.«