In den Mittagsstunden ist die Schlacht vorbei: Bei Poltawa, einer kleinen Festungsstadt in der Ukraine, sind die Truppen des Schwedenkönigs Karl XII. vor den Russen auf der Flucht. Es ist der 8. Juli 1709, nach alter Zeitrechnung der 27. Juni – der Wendepunkt des Großen Nordischen Krieges. Und mehr noch: Es ist ein Wendepunkt der europäischen Geschichte. Denn obwohl dieser Krieg erst zwölf Jahre später zu Ende geht, kann Schweden seine Großmachtstellung an der Ostsee nicht wiederaufrichten. Auch das Russländische Imperium, das nun entstand und in Gestalt der Sowjetunion vor unseren Augen unterging, verweist auf diesen Tag und diesen Ort zurück.

Begonnen hatte der große Krieg an der Wende zum 18. Jahrhundert. Ihm zugrunde lag ein Verbundsystem geheimer Militärallianzen, in denen der sächsische Kurfürst und polnische König August der Starke, der dänische König Friedrich IV. und Zar Peter I., der Große, einander Unterstützung gegen Schweden versprachen. Die Gelegenheit schien günstig: Karl XII. war 15 Jahre alt, als er 1697 den schwedischen Thron bestieg, da sollte es mit vereinten Kräften zu schaffen sein, Schwedens Macht zu brechen. Der Däne klagte dynastische Rechte in Schleswig-Holstein ein, der Wettiner wollte für die Krone Polens Est- und Livland haben, und dem Zaren war es darum zu tun, an der Ostsee festen Fuß zu fassen.

Für weitere Artikel der Serie klicken Sie auf das Bild

Doch das erste Kriegsjahr hätte für den Monarchenbund kaum unglücklicher verlaufen können: Im Februar 1700 scheiterte der Versuch sächsischer Truppen, Riga, die Hauptstadt Livlands, den Schweden zu entreißen, ein Halbjahr später schied der dänische König (um die Zerstörung Kopenhagens abzuwenden) aus dem Bündnis aus, und als Peter, der zuvor mit dem Sultan hatte Frieden schließen wollen, im November endlich so weit war, den Kampf aufzunehmen, stand er der schwedischen Militärmacht allein gegenüber. Vor Narwa erlitt er, der im Krieg den Hebel aller Reformen sah, seine erste schwere Niederlage. Sein großer Gegner, der Schwedenkönig, erwies sich als erstaunlicher Feldherr.

Mitten im Winter fällt Karl XII. mit seinem Heer in Russland ein

Was der Zar danach gewinnen konnte – Ingermanland und die Newa-Mündung, wo seit 1703 unter unsäglichen Opfern die neue Hauptstadt St. Petersburg heranwuchs –, das blieb noch lange ungesichert. Um St. Petersburgs willen war er entschlossen, "sein Reich und Cron auf die Spitze des wanckelbaren Glücks" zu setzen. 1704 wurden Narwa und Dorpat eingenommen, die eroberten Landstriche verwüstet und Tausende von Menschen deportiert. Doch aus Riga und Reval, den wichtigsten Hafen- und Festungsstädten im Baltikum, konnten die Schweden nicht vertrieben werden. Auch der Versuch, sich im Herzogtum Kurland, einem Lehnsstaat der polnischen Krone, festzusetzen, wurde im Juli 1705 abgebrochen.

Unterdessen hatte der schwedische König, schon von der Aureole eines jugendlichen Kriegsgottes umweht, die sächsischen Truppen in Polen vor sich hergetrieben. 1704 ließ er von einer polnischen Adelsfraktion August den Starken für abgesetzt erklären und den Magnaten Stanisław Leszczyński zum König wählen. Um den Wettiner vor der Katastrophe zu retten, reichten die Mittel des Zaren nicht aus. Zwei Jahre später wurde Kursachsen von den Schweden besetzt und August gezwungen, der Krone Polens "auf ewig" zu entsagen.

Nach diesem Sieg blieb vorerst ungewiss, wohin sich Karl XII. wenden würde. Nicht auszuschließen war, dass es ihn reizen könnte, auf jenem zweiten großen Kriegstheater seinen Ruhm zu mehren, auf dem die europäischen Großmächte, Österreich und Frankreich voran, gerade den Kampf um das spanische Thronerbe austrugen. Vom aufständischen Ungarn über Italien bis nach Portugal gab es damals kaum ein Land, das von den Lasten und Schrecken dieses Krieges verschont geblieben wäre.

Doch der König von Schweden spürte, wo die größte Gefahr für sein Reich lauerte. Im Winter 1707/08 fiel er mit seinem Heer in Russland ein. Ende Januar wurde Grodno erreicht, dann der Weg über Wilna in Richtung Minsk forciert. Dort wartete die Armee das Ende der Schlammperiode ab.