Der Mann, der einmal der Präsident von Nigeria war, hat einen schwarzen Landrover geschickt. Man solle diesem Wagen folgen, hatte es am Telefon geheißen. Der Fahrer biegt in eine jener Autobahnen ein, die, auf riesige Stelzen montiert, das Gewirr von Lagos durchschneiden. Weiter geht es in Richtung Hafen, wo rostige Schiffswracks aus dem trüben, ölverschmierten Wasser ragen, schließlich bleiben auch die scheinbar endlosen Elendsquartiere zurück. Nach etwa zwei Stunden Fahrt durch Mangrovenwälder nähert sich der Wagen einer Villa. Grauer Putz, eine hohe Mauer und Wachposten mit Maschinengewehren.

Es ist der Alterswohnsitz von Olesegun Obasanjo, einem der großen alten Männer Afrikas. Der nigerianische Diktator Sani Abacha ließ ihn in den neunziger Jahren ins Gefängnis werfen, weil er an einem Putsch beteiligt gewesen sein soll. 1998 wurde Obasanjo Staatspräsident, er reformierte sein Land und war als Generalsekretär der Vereinten Nationen im Gespräch. Jetzt sitzt er in seinem Büro, in einem dunkelroten Ledersessel mit Sitzheizung, und vor den Fenstern hängen schwere Vorhänge, die den Raum fast vollständig verdunkeln. "Wenn wir alles richtig machen", sagt Obasanjo, "dann wird dieses Jahrhundert das Jahrhundert Afrikas."

Unglaublich klingt das, gerade in diesen Wochen. Denn ganz offensichtlich hat die Weltwirtschaftskrise auch Nigeria gepackt. Hier hat zwar kaum jemand in amerikanische Immobilienkredite investiert, hier sind auch keine Investmentbanken kollabiert, hier hat man eigentlich nur ein ehrliches Geschäft betrieben: Öl an die Welt zu verkaufen.

Aber den Betrieben in den USA, in Europa und in Asien sind wegen der Krise die Aufträge ausgegangen. Sie produzieren weniger, und deshalb brauchen sie weniger Öl. Der Preis für ein Fass davon ist von knapp 150 Dollar auf weniger als 40 Dollar gesunken. Ausländische Investoren ziehen sich aus Nigeria zurück. Kleinen Unternehmen gibt kaum noch jemand Kredit. Im Staatshaushalt klafft ein Milliardenloch.

So wie Nigeria geht es gerade vielen Ländern Afrikas. Um nur eineinhalb Prozent werde die Wirtschaft in den Staaten südlich der Sahara in diesem Jahr wachsen, sagt der Internationale Währungsfonds voraus. Das würde nicht einmal reichen, um das Bevölkerungswachstum wettzumachen – pro Kopf gerechnet und im Durchschnitt hätte also jeder Mensch in dieser Region weniger Geld zur Verfügung. "Die hart erkämpften ökonomischen Fortschritte sind in Gefahr", warnt der Fonds.

Aber vor dem Ausbruch der Krise waren optimistische Einschätzungen wie die von Obasanjo weitverbreitet. Da war Afrika noch der Schauplatz eines kleinen Wirtschaftswunders. Um etwa sechs Prozent pro Jahr war das Sozialprodukt in den vergangenen fünf Jahren gewachsen, die hohen Weltmarktpreise für Öl, Metalle und andere Bodenschätze spülten immer mehr Geld dorthin. Plötzlich interessierten sich ausländische Unternehmen für die Märkte zwischen Kapstadt und Kairo, selbst die internationale Hochfinanz wurde auf den Kontinent aufmerksam. Goldman Sachs nahm Nigeria in eine Liste von elf Ländern auf, die in den Augen der Wall-Street-Experten zu Märkten der Zukunft aufsteigen würden.

Afrika holte auf. Das war etwas Neues.