Haben wir es doch endlich allen gezeigt! Die Krise, so klingt es in diesen Tagen mitunter selbstzufrieden, machte es möglich: Der angloamerikanische Turbokapitalismus sei gescheitert, die USA mit ihrem maroden Sozialsystem, einem horrenden Schuldenberg und einer stotternden Wirtschaft liege am Boden. Die Krise beweise auch Europas Stärke, die soziale Marktwirtschaft sei der Sieger im globalen Wettstreit der Modelle.

Schön wär’s. Nur leider ist es für ein solch positives Fazit eindeutig zu früh. Sicher, diese Krise hat die oft naive Bewunderung der Eliten für das amerikanische Modell heilsam gedämpft. Sie hat staatliche Eingriffe in den Markt enttabuisiert, den Ruf des europäischen Sozialstaats gerettet (schließlich schützt Europa seinen Bürger in der Krise besser als jede andere Region). Sie hat den Sinn des Euro, einer gemeinsamen Währungspolitik und Zentralbank dokumentiert. Und als Dreingabe hat sie Bundeskanzlerin Angela Merkel und Präsident Nicolas Sarkozy endlich auch auf der internationalen Politikbühne zu mehr Gehör für ihre Forderungen nach einem neuen Weltfinanzsystem verholfen.

Mit dieser Aufzählung sollte das Lob für Europa aber enden. Denn leider gibt es einiges gegenzurechnen: Weder waren die europäischen Volkswirtschaften krisenresistenter als andere Regionen der Welt (das Wachstum bricht nicht weniger stark ein als in den USA), noch haben sich unsere Finanzsysteme im Vergleich zu Amerika als stabiler oder auch nur als besser kontrolliert erwiesen. Im Gegenteil: Ausgerechnet unsere staatlichen Banken spekulierten mit am riskantesten. Mitnichten zieht das Wachstum hier schneller an als anderswo, auch sind die Konjunkturpakete nicht klüger. Auch das Finanzsystem reformieren wir keineswegs schneller als der Rest der Welt.

Manche Ökonomen prophezeien daher sogar schon: Ehe wir uns versähen, werde Amerika wie Phoenix aus der Asche steigen. Erstens, weil es in der Krise den brutalen Marktkräften den Lauf lasse und damit im Schumpeterschen Sinne für Zerstörung und Neubeginn sorge. Zweitens, weil es sein Bankensystem grundsätzlicher reformiere. Und drittens, weil die US-Politik aus Fehlern schneller lerne.

Ob die These stimmt, bleibt abzuwarten. Interessant für die aktuelle Debatte ist indes die Behauptung, Amerikas Politik sei schneller, trifft sie doch einen schmerzlichen Selbstzweifel Europas: Hat die EU in der Krise falsch, zu zurückhaltend und zu langsam reagiert?

Tatsächlich war in den vergangenen Monaten eines auffällig: So global diese Krise ist, so national waren die Reaktionen. Feuerwehrpolitik machten Merkel, Sarkozy, Brown. Sie trafen sich auf den G-20-Gipfeln, und sie bekämpften die Krise mit Bordmitteln zu Hause. Die Bankenrettungsfonds, die Fonds für Unternehmen, die Konjunkturpakete – kurz, das ganze Programm zur kurzfristigen Bewältigung der Krise wurde in den Hauptstädten der Mitgliedsländer entworfen. Brüssel (in Form der EU-Kommission) bremste im Zweifel oder schwieg. Und der Rat, das Parlament, die tschechische Präsidentschaft waren in der Debatte fast nicht präsent.

Na und, so könnte man lapidar kommentieren: Nationalstaatliches Handeln ist nicht per se schlecht, Brüssel nicht per se gut. Zudem steht Europa doch auch dann gut da, wenn seine Regierungen richtig handeln.